Auf der Brücke

Die Flasche mit dem Cola-Schnaps-Gemisch neben mir ist ne reine Vorsichtsmaßnahme.
Eigentlich brauch ich so nen Kram nicht, aber heutzutage kann man ja nie wissen.
Was, wenn er nicht kommt?
Unter mir donnert ein Zug über die Gleise. Ganz so still ist es nun doch nicht, wie ich mir das immer ausgemalt hab, seit ich seine Nachricht las.
Kaffee wollte er mitbringen, ich die Kippen und den Schlafsack. Na Gott sei Dank hab ich den Schlafsack, so ist es wenigstens warm. Und was zu trinken hab ich auch.
Vier Uhr morgens, es ist kalt und dunkel und ich warte.
Ich hasse Warten.
Diese ganze Scheißwoche war schon so elendig gewesen. Der Chef hat nur gemosert, die Kollegin nur gekotzt, weil sie schwanger ist. Bestimmt nicht von ihrem Mann, der ist schon seit Monaten im nahen Osten, und der einzige Heimurlaub wurde wegen einer drohenden Vertragsstrafe gekippt, sie mussten da durcharbeiten, sagte sie.
Er malocht und sie vögelt. Gesunde Arbeitsteilung.
Aber was solls, das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass sie immer nach Kotze stinkt und nicht arbeitet. Und wenn ich dann nicht weiterkomm, dann motzt der Chef nicht mit ihr, weil dann nimmt sie sich gleich wieder einen Krankenschein, und dann kann sie noch nicht mal mehr das Telefon bewachen. Na ja, zu mehr war die eh noch nie gut.
Nein, den ganzen Senf, den krieg ich dann immer ab, nur weil ich ihn nicht rangelassen hab auf der Weihnachtsfeier, als er stinkbesoffen mir aufs Klo folgte.
OK, ich war aufm Herrenklo, weil ich’s bei den Weibern nie aushalte. Die brauchen so lange, stinken sich mit Parfum und Haarspray ein und labern nur hohles Zeug, und wenn ich dann mal pinkeln muss, dann wird mir in der Wartezeit kotzschlecht, wie sie über alle da im Raum herziehen, das Privatleben von den Kollegen durchhecheln und sich selbst immer als die Tollsten und Besten hinstellen.
Da geh ich halt lieber bei den Männern pinkeln, das geht schneller.
Die meisten wissen das auch schon, und sie lassen mich in Ruhe, weil ich bin ja eh uninteressant für die. Die glauben alle, ich bin ne Lesbe, weil ich Hand in Hand mit meiner Schwester übern Weihnachtsmarkt gelaufen bin, und ich lass sie. Solln sie mal, dann hab ich meine Ruhe vor denen. Aber der Chef, na der glaubte wohl, dass er mich bekehren müsste, oder es gab ihm nen Kick, wenn er ne Lesbe aufm Herrenklo vernaschen könnte.
Mir egal.
Ich hab ihm die Tür vor der Nase zugeknallt, hab in sein Gesäusel rein gepinkelt und abgezogen und bin erst wieder raus, als noch ein anderer Kerl aufgetaucht ist.
Passiver Widerstand, Gandhi wär stolz auf mich gewesen.
Meine Mama auch.
Aber die redet ja nicht mehr mit mir, seit ich ihr gesagt hab, dass sie ne Schlampe ist. Na, ist doch wahr. Ständig laufen andere Stecher von ihr bei uns zu Hause auf, zu allen sollen wir „Guten Tag“ sagen, am Besten nochn artigen Knicks machen? Neee. Nicht mein Ding. Und als ich wieder mal so nem Schwachkopp Bescheid gestoßen hab, dass er eh nicht so lange da sein würd wie ich brauch um „Guten Tag“ zu ihm zu sagen, da ist sie ausgerastet. Wo’s doch die Wahrheit ist. Je nach dem ob noch ein Feiertag ist, bringt sie zwei bis drei Kerle inner Woche mit heim, also an jedem Abend, wo am nächsten Morgen frei ist, wieder nen Neuen.
Und wir, meine Schwester und ich sind dann schuld, wenn sie wieder abhauen.
Die soll sich mal an den Kopf packen, und morgens in den Spiegel und die Küche gucken, welcher Kerl verschwindet denn bei nicht gleich wieder, wenn er so was sehen muss? Inner Küche die Spüle von der ganzen Woche, und Batterien von leeren und halbleeren Schnapsflaschen stehen auf der Fensterbank rum.
Und sie? Verschmierte Schminke, geschwollene Augen, die Haare auf halb acht und ne Kippe im Mund bevor der Kaffee durchgelaufen ist. Und der gesteppte Bademantel macht es auch nicht besser, der macht sie noch fetter als sie ist.
Meine Schwester und ich sollen aufräumen, sagt sie immer, bevor sie in ihre Stammkneipe geht.
Machen wir aber nicht.
Warum auch?
Sie kocht nicht, und wir räumen nicht ihre Scheiße weg.
Wenns ginge, würde ich noch nicht mal das Klo sauber machen. Das wird immer von ihren Stechern vollgepinkelt, ihr Spachtelzeug fliegt da überall rum und der Zement für die Haare verklebt den Spiegel.
Deswegen muss ich auf der Arbeit durchhalten, haben die aufm Amt gesagt. Wenn ich die Stelle diesmal nicht in den Sand setz, dann hab ich bald die Schulden beim Gericht wegen Körperverletzung abgezahlt und dann hab ich genug um mir ne eigene Wohnung zu nehmen.
Scheiß-Alter.
Erst jagt er mich und meine Schwester zum Teufel, weil er mit seiner Ische in Ruhe vögeln will, und als uns dann die Bullen nach Hause bringen, brüllt er uns an, wo wir so lange gewesen sind. Und seine Trulla stichelt im Hintergrund.
In die Erziehung soll er uns stecken, aber da hat sie Sand dran, die hab ich schon lang gefragt, aber meine Schwester und ich sind nicht geeignet fürn Erziehungsauftrag. Und dann fängt sie an über meine Schwester zu lästern, weil sie son bisschen langsam ist, maaan, die ist nun mal nicht die Hellste.
Ich sag ihr, sie solls lassen. Aber sie wird immer gemeiner, und die Kleene fängt an zu heulen, stößt vor lauter Aufregung das Glas von der Tussi runter, war echt keine Absicht, hab ich genau gesehen. Aber die, die brüllt gleich auf, nennt meine Schwester ne hinterhältige Kuh und schubst sie auf den Boden.
Sauber machen soll sie, und da seh ich rot.
Die Torte ist nu ein bisschen weniger schickimicki, paar Hand voll Haare hab ich ihr ausgerissen, und naja, die Nase ist gebrochen, wird wohl auch nicht mehr so toll. Aber die Rippen sind wieder heil, das Luder war hart im Nehmen.
Anwalt, Jugendamt, alle haben sie mitm Kopf geschüttelt. Aber innen Knast musste ich nicht, ich stand im „Zustand höchster Erregung“, als ich sie son bisschen hart rangenommen hab. Irgendwas an Tagessätze hab ich gekriegt, und meine Schwester und ich wurden zu meiner Mom gesteckt.
Die säuft zwar und hurt rum, aber was macht das schon, die Kerle sind harmlos, weil sie ja von ihr kriegen, was sie brauchen. Und auf meine Schwester pass ich auf.
Seit nem halben Jahr bin ich volljährig, und wenn ich die Kohle beim Gericht bezahlt hab, dann nehme ich mir ne eigene Wohnung, mit der Kleenen zusammen. Also muss ich nur noch durchhalten, darfs mir nicht wieder mit nem Chef verscherzen. Vielleicht lass ich ihn doch ran. Bald ist Sommerfest und da müssen wirs wenigstens nicht aufm Klo treiben.
Hinter mir hör ich Schritte. Na endlich. Vier Uhr hat er gesagt, nun ist schon gleich viertel nach. Das treib ich ihm auch noch aus, das weiß ich.
Wenn er meine Welt kennen lernen will, so wie er mir schrieb, dann bitte pünktlich. Da kann er noch so toll schreiben können, dass ich mir immer dumm vorkomm. Ich verstehs ja eh nicht, warum er das will. Meine Welt ist wohl so ne Art Gruselkabinett für ihn.
Gänsehaut für verzogene Wirtschaftstudenten.
Ich lass ihn, weil was für mich bei rausspringt. Er verbessert mein Deutsch, und ich zeig ihm meine Welt, so ist die Abmachung.
Nur den Chef ranlassen, das reicht halt nicht um mehr zu kriegen im Berufsleben.
Die Schritte werden langsamer, ich dreh mich um und motz gleich los: „Dat nächste Mal bisse pünktlich, sons hau ich wieder ab!“
Ich sag es extra so gewöhnlich, weil ich weiß, dass ihm das fast körperlich Schmerzen bereitet, wenn jemand so schreibt oder redet.
Schadenfroh seh ich, wie er sein Gesicht verzieht.
Wow, sieht der gut aus.
Schade, er ist verheiratet, und mit so was geb ich mich eh nicht ab.
„Setz dich, wo isn der Kaffee?“
Ich hebe den Schlafsack an, damit er mit drunterkriechen kann. Das geht ganz gut, denn ich bin klein und zierlich, und er ist nicht fett oder so, das hatte ich schon abgecheckt, damit wir nicht frieren müssen.
So ein bisschen umständlich setzt er sich zu mir, schaut mich streng an und sagt: „So, meine Liebe, werden wir nie mit unseren Lektionen in gutem Ausdruck und Sprachgewandtheit vorwärts kommen, wenn du nur um mich zu strafen zurück in deinen alten Jargon fällst.“
Er hat ja Recht.
Aber heimlich grinse ich, denn ich weiß, dass er seinen Teil bekommen hat.
Was jetzt kommt, ist schon besser, das ist meine Welt. Die kenne ich in- und auswendig, und ich erzähle ihm, warum ich oft hier bin, dem Sonnenaufgang zusehe, dass sonst meine kleine Schwester dabei ist und wir die Stille und die Ruhe genießen.
Dass wir dann träumen, von unserer Wohnung, unserer Zukunft, und dass ich es besser machen will als meine Eltern.
Und wie zufällig stoße ich an die Flasche mit dem Gesöff und sehe der Flasche nach, wie sie im freien Fall in der Dunkelheit verschwindet.
Ich hab ja gewusst, ich brauchs nicht.
Kaffee schmeckt eh besser.

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