Die Zuckerconnection

Ich weiß noch genau, dass wir uns als Kinder wie die Kesselflicker zankten – kein Wunder bei fünf Geschwistern an der Zahl! Aber wehe, einer von uns hatte irgendwie Ärger und die anderen waren gerade nicht sauer auf einen, dann haben wir zusammengehalten wie die sieben Brüder in der Geschichte mit den sieben Weidenstöcken. Nur durften wir nicht gerade Streit miteinander haben, denn dann wurde der Unglückliche noch in seiner Not verhöhnt und ausgelacht, wie Kinder nun einmal so sind, besonders unter Geschwistern.
Ich erinnere mich noch genau an eine Begebenheit, in der wir wie Pech und Schwefel zueinander hielten, ich kam mir vor wie ein Held, der Rächer der Bestraften. Selbstlos warf ich mich für meine Geschwister in das feindliche Umfeld Eltern und lief Gefahr, dort umzukommen…. ein wenig lächerlich, aber wer sich an seine eigene Kindheit noch zurückerinnert, wir um diese Heldenträume wissen. Ich stellte mir vor, wie der Rest unserer Bagage mein Loblied bis in ewige Zeiten singen würden, ein bisschen wie ein Pirat, ein Freiheitskämpfer – Himmel, ich hatte zu viel Robin Hood gelesen :-)
Wir waren nicht richtig arm, aber dennoch musste bei uns jeder Pfennig zweimal umgedreht werden, bevor er ausgegeben wurde. Bei fünf Kindern half es sehr, sehr diszipliniert in der Haushaltsführung zu sein. Und so war die Parole dann auch: Erst fragen, bevor etwas genommen wurde, zumindest aber Bescheid geben, damit die Frau Mama nicht irgendwann in die Verlegenheit geriet, dass für ein geplantes Essen eine wichtige Zutat fehlt. Und vor allen Dingen nicht so viel auf einmal nehmen, damit der Rest nicht in der Mülltonne landet, obwohl er anders noch hätte gebraucht werden können.
Allerdings fragen Kinder nicht gerne, und vor allem nicht, wenn die Antwort einem „Nein“ näher stand als dem begehrten „Ja“. Die Reste wieder hergeben hieße die Mopserei zugeben, bevor jemand draufgekommen wäre, dass etwas fehlte. So geschah es dann sehr häufig, dass ein Glas Schattenmorellen, zur Hälfte aufgelöffelt, unter dem Bett fröhlich vor sich hingärte, eine Dose Mandarinen für die nächste Torte nicht greifbar war, Backschokolade eine permanente Mangelware wurde und leere Haselnuss- und Mandelkartons hinter den Betten zum Vorschein kamen.
Was hatte unsere Mutter nicht alles unternommen, um uns von diesen Diebereien abzuhalten, schrecklichste Strafen wurden angedroht und letztendlich auch verhängt, täglich bekam mindestens einer von uns fünfen eine Standpauke deswegen gehalten, es wurden Kompromisse angeboten, nach Lösungsmöglichkeiten händeringend gesucht – es half alles nichts:
Wir waren und blieben eine Bande der Leckereien-Diebe, eine richtige Zuckerconnection.
Eines Tages entdeckte meine Mutter im Zimmer meiner beiden ältesten Schwestern eine angebrochene Tüte Zucker, was geradezu zu einer Höchststrafe führen musste. Wütend und enttäuscht, dass gerade ihre zwei Ältesten ihr Vertrauen missbrauchten, ersann sie eine Strafe, bei uns Fünfen warnend im Gehirn aufblinken sollte, wenn uns je wieder die Versuchung überkommen sollte.
Genutzt hat es – wie immer – nichts, denn wir gingen ja in unserer Überheblichkeit davon aus, nie erwischt zu werden.

Die Strafe für meine beiden Schwestern war eine von jenen, über die wir erst lachten, die Delinquenten dann beneideten und erst zum Ende hin erkannten, wie schlimm auch ein Zuviel des Guten sein kann:
Beide mussten sich bei uns in der guten Stube auf einen Stuhl setzen und bekamen eine ganze Tüte Zucker in die Hand gedrückt. Diese sollten sie nun leer essen, vorher war weder aufstehen noch etwas zu trinken erlaubt.
Wir drei Kleineren wähnten unsere Schwestern im Süßwarenhimmel, ahnten wir doch nicht, dass ein Übermaß an Süßem eine schrecklichere Strafe sein konnte als der Entzug aller Leckereien selbst auf Lebenszeit.
‚Die haben es gut‘, dachten wir zu Beginn und lünkerten heimlich und neidisch um die Ecke , um meine Schwestern bei ihrer süßen Strafaktion zu beobachten, und wir alle drei nahmen uns vor, uns auch einmal erwischen zu lassen, wenn der Heißhunger auf Süßes zu groß würde. Das heimliche Lünkern, muss ich dazu sagen, war notwendig, weil jede Kontaktaufnahme zu den beiden unter strengster Strafandrohung verboten war: Meine Mutter war wild entschlossen, nun endlich durchzugreifen.
Nun, meine beiden Schwestern waren erst erleichtert ob der verblüffenden Strafe, dann feixten sie sich eins und begannen munter mit dem Verzehr der weißen, süßen Pracht, und unsere Gesichter wurden immer länger vor Neid.
Als jedoch die Nasen der armen Sünder immer bleicher wurden, sich ein Schweißfilm auf der Stirn absetzte und die ersten Tränen die Wangen benetzten, ahnten wir ansatzweise, was der Zucker gerade in den Mägen der beiden anrichtete. Die Löffel, die vorher noch so eifrig zum Mund geführt wurden, verlangsamten immer mehr ihr Tempo, harrten ausin der Tüte, hielten inne vor dem Mund – der Zwang, den Mund zu öffnen, wurde immer sichtbarer, ebenso wie der innere Kampf gegen die überwältingende Übelkeit.
Und mir, die schlimmste Naschkatze von allen fünfen, die größte Neiderin soebenhin noch, merkte, wie sich Mitleid in mir breitmachte, erst Mitleid und dann Empörung.
Die einzige Leidenschaft, die wir hatten, zur Strafe umfunktionieren… das war perfide.
Und so wurde aus den beiden Sünderinnen, die wir wegen des Strafmaßes am Anfang argwöhnisch betrachtet hatten, im Nu zwei der am höchsten angesehenen Märtyrer unserer kleinen Kinderwelt. Zwei, die für die Freigabe aller Süßigkeiten und Leckereien an vorderster Front für alle Kinder der Welt kämpften! Rebellen im Kampf gegen die Dikatur der Eltern! Freiheit für die Gummibärchen, Erdbeereis statt Haferbrei, rote Bonbons statt grüne Bohnen! Was dachten wir uns nur in unseren rentitenten Kinderköpfchen für Schlachtrufe aus, die wir liebend gern unseren Heldinnen zurufen wollten, anfeuernd, dass sie die letzen Krümel auch noch schafften!
Doch ach und weh – nur zu bald waren meine Schwestern bereit, klein beizugeben, flehen wollten sie, betteln, dass die Strafe aufgehoben wurde, nie mehr wieder auch nur ein Körnchen Zucker anrühren, noch nicht einmal mehr im Tee würden sie den Zucker wollen, wenn sie auch nur ein kleines Schlückchen Wasser bekämen, ja selbst zum Pastor wollten sie gehen und ihre schändliche Tat beichten!
Jetzt war meine Stunde gekommen. Nun konnte ich mich als Heldin erweisen oder untergehen – aber zumindest wollte ich meinen Beitrag im Kampf gegen die Tyrannen des Zuckerimperiums leisten. Ich schlich also hinter dem Rücken der Wächter vorbei ins Bad, füllte einen Zahnputzbecher mit Wasser, um es zu meinen Schwestern an den Pranger zu schmuggeln, wo die zwei elenden Gestalten, zur Vollstreckung des salomonischen Urteils gezwungen, nach nur einem Tropfen dieses kühlen Nasses lechzten. Wie tapfer kam ich mir vor, wie verwegen, die harte Strafe zu unterwandern, wusste ich doch, dass dies nun wirklich beim Erwischen die Todesstrafe nach sich ziehen würde, zumindest aber konnte ich mit einer ordentlichen Tracht Prügel rechnen, würde ich erwischt.
Und wie zitterten mir die Beine bei der Vorstellung, ich würde erwischt…
So wohl taten da die dankbaren Blicke, die ich für meine Heldentat erntete – auch diese Blicke signalisierten mir die Ungeheuerlichkeit meiner Tat. Ich machte mich zur Komplizin der Zuckerconnection, durfte teilhaben am verbotenen Treiben, das die beiden in diese Lage gebracht hatte – halb fürchtete ich, halb hoffte ich, erwischt zu werden und nach dem Motto „Mitgefangen – mitgehangen!“ auch einen Teil der süßen Strafe abzubekommen. Mich, so dachte ich, mich würden sie damit nicht so schnell kleinkriegen, schließlich hatte ich mich selbst zu einer der weltbesten Süßigkeitenvertilger auserkoren…
So malte ich mir also damals in meinem dramatisch verdrehten Hirn mein Heldentum und die daraus ewig währende Verehrung meiner Geschwister aus, ernannte mich selbst zur wahren Märtyrerin und Rebellin, verlieh mir selbst in Gedanken den Ritterorden von der Kindertafel. Ich schwankte zwischen Robin Hood und König Artus, und hätte es da auch schon Herbert Grönemeyers „Kinder an die Macht“ gegeben, ich hätte es zu unserer Hymne erklärt und lauthals gesungen.
Danke, Herbert Grönemeyer.
Zweifelsohne wären wir dann nämlich mit aller Sicherheit erwischt worden.

Ich weiß nicht mehr, ob wir damals bei meinem Wasser-Coup erwischt wurden. Es steht nur noch das Bild vor meinen Augen, wie zwei sehr blasse Mädchen auf ihren Stühlen saßen und ihre widerlich süße Strafe unter Tränen in sich hineinzwangen. Ich weiß noch nicht einmal mehr, ob ich das Glas Wasser wirklich geholt habe oder nur mit den Gedanken spielte, davon träumte.
Nie aber werde ich das Gefühl vergessen, wie das ist, zumindest in Gedanken ein Held zu sein – und wenn auch nur von eigenen Gnaden.

Bleibt noch nachzutragen, dass die Strafe nie wirklich bis zum „üblen“ Ende durchgezogen wurde, das hätte unsere Mutter nie übers Herz gebracht. Nach dem meine Schwestern ungefähr die Hälfte ihrer Zuckerration in sich hineingestopft hatte und dann unter Tränen Besserung schworen (was sie zumindest eine Weile auch einhielten) beendete meine Mutter die Strafexpedition ins Reich der süßen Albträume.
Und unsere beiden Heldinnen krochen mit schlotternden Knien die Treppe hinauf und leckten in ihren Zimmern under den lauten Mitleidsbekundungen von uns drei Kleinen ihre Wunden.

Ein letztes Wort:
Wieviel hiervon wahr ist, was davon über- oder untertrieben ist, sei der Einschätzung des Lesers selbst überlassen.
Fest steht: Die Zuckeraktion hat zweifellos stattgefunden.
Die Zeit und andere Erlebnisse legen zuweilen einen Schleier über einige Details und lassen sie aus anderer Sicht weniger – oder auch mehr dramatisch aussehen.
Seht mir also in allem Anderen ein wenig dichterische Freiheit nach…. ;-)

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