Eisige Erinnerungen

Die Morgensonne tastete sich vorsichtig ihren Weg durch den nebelartigen Dunst, verbündete sich mit ihm und tauchte die weiß bedeckte Landschaft in ein ganz unwirkliches Licht.

Es war klirrend kalt, und es schien fast so, als wäre eine ganze Horde Menschen durch die Morgenluft geflogen und hätte den warmen Atem in der ganzen eisgefrorenen Atmosphäre verteilt:
Der Schnee hatte sich selbst ganz sanft auf alles gehaucht, was auch nur den Anschein machte, sein feines Gewicht tragen zu können und gerade eben nur, fast schüchtern die Konturen von Häusern, Bäumen, Zweigen und feinen Gräsern nachgemalt. Der Kontrast der dunkleren, kräftigeren Farben zu dem reinen, unberührten Weiß sorgte dafür, dass selbst im sichtmindernden Nebel die Landschaft noch klar erkennbar war.

Die in der Ferne klein und gedrungen wirkenden Häuser schmiegten sich scheinbar frierend an einen Waldrand, der den Beginn der dahinter liegenden Anhöhe markierte, die mit Schneehäufchen bedeckten Weidezäune unterteilten die Koppeln, auf denen ein paar Pferde durch den weißen Puderflaum nach dem letzten Gras suchten und ein einzelner Baum stand als Blickfang mittendrin, in dieser Abwechslung von Wiesen und Feldern.

Alleine zwar, aber nicht verlassen oder einsam wirkte er in seiner Umgebung, nein. Eher strahlte er eine Ruhe aus, die noch von der durch das diffuse Sonnenlicht hauchzartgelb wirkenden Firnis verstärkt wurde.

Leonie zog, während sie sich langsam drehte, schaudernd ihr Lieblingstuch fester um ihre Schultern und erblickte den Sandstrand und die feine Eisschicht auf dem See. Das tiefe Blau wurde wie von einem durchscheinenden Chiffontuch bedeckt, und die Sonne setzte an manchen Stellen funkelnd-glitzernde Effekte.

Es musste schon sehr kalt sein, wenn selbst dieses große Gewässer zufror, so dünn das Eis auch sein mochte, und trotz der starren, ruhigen Oberfläche wussten doch alle Bewohner des kleinen Landstriches um die gefährliche, leicht bedrohlich wirkende Tiefe des Gewässers. Wer sich nicht um die markierten Gefahrenzonen kümmerte und auch dort unbekümmert sein Kreise schwomm, tauchte und mit anderen tobte, konnte unvermittelt in einen Sog geraten, der sein Opfer bis zum Grund des Sees zog und erst wieder losließ, wenn jede Hilfe zu spät kam. Die, die nicht auf die Warnungen hörten, die die Einwohner immer wieder mahnend aussprachen, hatten ihre Lektion teuer, manchmal mit ihrem Leben bezahlen müssen. Einige wurden nie wieder gefunden, verblieben als Opfer im Wasser.

Sie waren ja nicht immer da, diese Strudel. Kein Mensch konnte vorhersehen, wann sie auftauchten und in welcher Gefahrenzone. Aber es gab Bereiche, in denen noch nie, seit Menschengedenken schon, ein solcher Strudel seinen Tribut forderte. Es waren immer die gleichen Zonen, scheinbar seit Anbeginn aller Zeiten.
Die junge Frau starrte hinüber zu diesen Stellen, mit den ihr mittlerweile vertraut widerstreitenden Gefühlen. Lange Zeit stand sie so da, fasziniert von der gnadenlosen, aber völlig neutralen Naturgewalt, die nicht einem freien Willen folgte um zu töten. Sie war einfach da, hatte ihren eigenen, unvorhersehbaren Weg und wer ihren Weg kreuzte, war verloren.
Schlimmer noch als eine Lawine, die ja durch irgendetwas ausgelöst wurde, schlimmer noch als ein Sturm, der die Wellen an Meeresklippen hochschlagen ließ. Schlimmer noch als ein Jagdbomber, der seine Geschosse über dem Zielgebiet fallen liess.
Das waren Zerstörungen, die in gewisser Weise nachvollziehbar, vorhersehbar waren. Wer aber zu nahe an diesen Sog heranschwamm, merkte es erst, wenn es zu spät war. Selbst gute Schwimmer konnten hier nicht gewinnen; leichter hatten es jene, die nicht lang dagegen ankämpfen konnten. Für die war es wenigstens schnell vorbei.

Unvermittelt brach die Sonne durch die Wolken und strahlte hell auf das Eis und tauchte diese Winterlandschaft in gleißendes Licht. Der Nebel hatte sich in der Zeit, wo Leonie den See betrachtet hatte, verflüchtigt und die vorher so weichgezeichneten Konturen waren nun klar, fast hart gezeichnet. Wie um sich aus einer Trance zu wecken, schüttelte sie den Kopf und rieb sich die Arme. Dann wandte sie sich ab und ging den kleinen Weg zurück zu ihrem kleinen Blockhaus, aus dessen Kamin einladender Rauch aufstieg.

Auf dem Weg dorthin registrierte sie wieder einmal jede Einzelheit, die sie damals auf der Suche nach einem neuen Heim so angezogen hatte. Es war wirklich nicht groß, für eine alleinstehende Person gebaut, und genau so allein stand es auch dort am See, wie der Baum dort bei den Koppeln, wie der See hinter ihr – wie sie selbst. Sie hatte hier ihr Heim gefunden und mit ihm genau die Abgeschiedenheit gewählt, die ihr so wichtig war.

Leonie ließ ihrem Lächeln freien Lauf. Sie lächelte gern und viel, und dennoch hatte sie sich einen strengen Blick angewöhnt um die Urlauber, die auf einen leichten Flirt aus waren, abzuschrecken. Als sie damals das kleine Haus erwarb, war das Land um den Strudelsee völlig einsam gewesen, bis ein recht bekannter Buchautor hier bei einem Badeurlaub ums Leben kam.

Die Berichterstattung verschaffte der Region einen mystischen Ruf, der eine Menge Sensationstouristen anzog. Die waren schon längst wieder fort, aber geblieben waren einige geschäftstüchtige Makler und Hoteliers, die aus der Einsamkeit dieser Einöde Profit geschlagen hatten.

Binnen der fünf Jahre, die sie nun hier wohnte, waren zahlreiche Freizeitzentren, Erholungsgebiete und Clubs entstanden, die sich zwar bautechnisch dezent in die Landschaft einfügten, aber die Ruhe und die Einsamkeit, die Leonie davon überzeugten, sich hier niederzulassen, waren speziell in den Sommermonaten verflogen.

Ganze Reisebusse voller Menschen fielen dann in die Dörfer rund um den See ein, besichtigten die umliegenden Bauernhöfe, machten sich an den Sandstränden breit, veranstalteten Ausflüge per Boot, zu Pferd, auf Rädern und in Kleinbussen. Es wurden Strandpartys veranstaltet, Naturwanderungen angeboten, Jogger und Walker suchten die Wald- und Feldwege heim. Jeder Einwohner, der nicht vom Tourismus lebte und es sich leisten konnte, verzog sich für diese Monate an einen anderen Ort.

Leonie hatte das nicht nötig. Ihr unscheinbares Haus stand so gut von den Bäumen versteckt am Rand der Anhöhe, dass niemand auf die Idee kam auch nur einen zweiten Blick auf diese vier Wände – ihre vier Wände – zu werfen. Das helle Atelier, in der sie ihre kleinen Kunstwerke gestaltete, war von aussen nicht zu erkennen, da der Lichteinfall komplett von oben kam. Sie hatte viel Geld für diese Änderung investiert, aber es hatte sich gelohnt. Das Zimmer in der ersten Etage war dadurch taghell, und der kleine Balkon mit dem Fenster nebenan simulierten perfekt ein biederes, langweiliges Haus.

Ihre kleinen Kunstwerke.. die junge Künstlerin musste schon wieder lächeln. Sie malte, lackierte, restaurierte alte Gegenstände, die andere zum Sperrgut legten, gab ihnen ein völlig neues Gesicht, manchmal sogar eine andere Funktion und präsentierte sie dann in ihrer kleinen Kunsthandwerkstatt, die ihren Lebensunterhalt weit über den Bedarf hinaus sicherte. Nach den ersten zwei Jahren in der Einsamkeit war ihr die eigentliche Arbeit zu wenig ausfüllend gewesen, und sie suchte nach einem Ausgleich, bei dem sie ihre Gedanken schweifen lassen konnte.

Den fand sie in ihrer „Bastelei“, wie sie sie nannte.

So wurde aus einem kleinen Kinderjeansanzug, den sie mit Zeitungspapier ausstopfte, auf einer Leinwand befestigte und weiß grundierte, ein richtiggehendes Gemälde mit leuchtenden Farben und abstrakten Formen und Mustern, in einem Plastikschlittschuh, bronzefarben übermalt und mit Patina bestrichen, befestigte sie ein Mooskissen und besteckte dies mit ausgefallenen Trockenblumen, teils leuchtenden, teils dezentfarbenden Marabufedern und malte dann feine Ornamente in schwarz auf den Stiefelschuh.
Ein alter Stuhl wurde in roten und Sandfarbenen Lacken besprüht und afrikanische Figuren tummelten sich auf den Lehnen und der Sitzfläche. Auf der Sitzfläche hatte sie einen selbstgetöpferten Tonkrug befestigt und diesen mit afrikanischen Fruchtbarkeitsymbolen verziert.
Sie erstellte Kalender mit Zeitungspapierhintergrund, arbeitete alte Bücher in Schmuckkästchen um und fertigte den Schmuck dafür selbst an.
Es gab nichts, was sie nicht hätte verwerten können, und nichts war mehr als das erkennbar was es bei seiner Entsorgung zu sein schien. Irgendwann war dann ihr Atelier so voll gewesen, dass sie nicht mehr gewusst hatte wohin mit den ganzen Sachen, und sie hatte sich auf einem Markt für Kunsthandwerk damit hingestellt.

Ihre Schätze fanden einen reißenden Absatz, und ein älterer Herr bot ihr, nachdem sie wegen eines schlimmen grippalen Infektes mehrere Wochen gefehlt hatte, einen Mietvertrag für ein kleines Ladenlokal. Dankbar nahm sie das Angebot an, die Mieten waren erschwinglich und sie froh, dass sie nicht mehr von den Launen der Natur heimgesucht wurde.

Von diesem Zeitpunkt an steigerte sich der Erfolg rasend schnell. Sie stellte eine zuverlässige Geschäftsführerin ein, denn sie wollte nicht in dem Geschäft präsent sein, und leisten konnte sie sich das allemal durch den Ertrag ihres Hauptgeschäftes. Die junge Frau machte aus der kleinen Galerie rasch einen Geheimtipp, und so kam Leonie bald kaum noch nach mit ihren Werken und das, was sie eigentlich hatte tun wollen, verschob sich auf eine kleine Nebenspur:

Sie hatte in jungen Jahren nach ihrem Literaturstudium den kleinen Verlag ihrer Eltern übernommen und ihn jahrelang geführt, ihm nach und nach einen Platz in einer Nische frei geräumt, in der er gut überleben konnte. Mit dem Internet hatte regelrecht eine Schwemme von Hobbylyrikern eingesetzt, manche wirklich schlecht, andere dagegen hervorragende Talente, die alle gerne sich selbst in einem Buch verewigt sehen wollten. So füllte sie themengerechte Sampler mit „ihren“ Autoren, die sie persönlich ausgesucht hatte, suchte nach guten Hobbyfotografen, Amateurmaler und Grafiker, die passende Bilder zu den Texten anfertigten, und verkaufte dann diese Verbindungen als kleine Mitbringbücher, Wandkalender und auch als Poster bzw. Kunstdrucke. Alle konnten davon gut leben und der Verlag hatte so viel Erfolg, dass Leonie selbst nur noch die Geschäftsführung erledigen konnte – für mehr fehlte ihr die Zeit.

Um das zu ändern zog sie sich aus dem aktiven Geschäft zurück und wählte die Einsamkeit, um von dort aus vielversprechende Talente aufzuspüren.

Zumindest redete sie sich ein, dass das der einzige Grund für ihre Flucht vor der Gesellschaft war.

Dass der Erfolg des Verlages viele Neider und noch mehr falsche Freunde angelockt hatte, verdrängte sie einfach. Sie war ausgenutzt, belogen und betrogen worden, weil sie, so clever sie auch im Geschäftsleben war, in ihrem Privatleben zu offen, naiv und gutgläubig auf die Menschen zuging. Erst nach und nach hatte sie gemerkt, was da überhaupt passierte, und als sie dann noch ihren Mann mit ihrer angeblich besten Freundin erwischte, hatte es gereicht. Sie packte einen Koffer, nahm ihre kleine Tochter an die Hand und verschwand, nachdem sie für ihre Anwältin die entsprechenden Vollmachten ausgestellt hatte. Wochenlang fuhr sie durch das Land, suchte nach einem Platz für sich und ihr Kind, an dem sie zur Ruhe kommen könnten – und irgendwann waren sie hier gelandet, in dem einsamen Paradies, und sie beide liebten es auf Anhieb.

In den folgenden Wochen hatten sie all das veranstaltet, was die Urlauber nun teuer bezahlen mussten: Reiten, Nachtwanderungen durch Wälder und die Strände entlang, Sonnenbaden und Schwimmen, kleine Picknicks an ihrem abgelegenen Bootssteg, Zelten und Lagerfeuer – nichts ließen sie aus, während sie darauf warteten, dass die kleinen Veränderungen am Haus abgeschlossen wurden und sie es endlich beziehen konnten. Bei den umliegenden Nachbarhöfen waren die beiden bald bekannt und beliebt: Tauchten sie irgendwo auf, zu Fuß, per Drahtesel oder hoch zu Ross, wurden sie an den Tisch gebeten, durften im Heu schlafen und abends mit der Familie in der guten Stube sitzen und den Geschichten lauschen.

Unter anderem auch den Geschichten um den Strudelsee.

„Opfersee“ nannten sie ihn, denn es schien tatsächlich so, als würde ohne ein regelmäßig erbrachtes menschliches Opfer am See nicht alles rund laufen. Der Fischfang wurde weniger, die Ernten vertrockneten, das Wasser in den Brunnen faulte – bis wieder ein Unwissender in den Sog schwamm. Niemand nannte es beim Namen, keiner fragte nach, noch nicht einmal die einheimische Polzei ermittelte großartig, wenn „so etwas“ passierte. Es wurde angemessen getrauert, sich um die Hinterbliebenen gekümmert, aber die Hintergründe erfragen? Das kam nicht in Frage. Auch Leonie und Sarah, ihre Tochter, lernten schnell, an solchen Abenden nicht weiter nachzufragen. Sie lauschten den Erzählungen, sangen die alten Volksweisen mit und gaben selbst ein paar Gedichte und Geschichten aus ihrer Heimatstadt preis, um auch etwas zum Gelingen des Abends beizutragen. Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich mit großem Hallo und einem Picknickpaket von der Bäurin und zogen weiter.

So verging der Frühsommer und eine ungewöhnliche Hitze begann. Die Felder mussten mit Kübeln voll Wasser versorgt werden, damit nicht die Frucht schon vor dem Reifen verdorrte, die Brunnen wurden wieder einmal abgedeckt und die Leute fingen an, hinter vorgehaltener Hand zu murmeln.

„Der See fordert ein Opfer“, flüsterten sie sich zu, und sie schauten den vorbeigehenden Passanten ins Gesicht, als wollten sie prüfen, wer demnächst nicht mehr vom Baden nach Hause kam. Den Kindern wurde bei strengster Strafe verboten zu dem Gewässer zu gehen, und die Strafandrohungen waren nicht notwendig, da alle mit der Muttermilch schon die Eigenheiten des Sees eingetrichtert bekommen hatten. Eine unheimlich anmutende Stimmung legte sich wie der Staub verbrannter Erde über die kleinen Orte, abwartend, lauernd, ängstlich – und doch fatalistisch, denn jeder wusste, dass „es“ sein musste.

Auch Leonie verbot ihrer Tochter den Weg zum See, und das belastende Schweigen wurde durch die hektische Betriebsamkeit auf den Feldern noch verstärkt. Die Lebenslektionen trugen mehr Früchte als die Apfelbäume, und die junge Mutter bekam Angst, dass sie als Zugezogene vielleicht als perfektes Opfer angesehen werden könnte. Horrorvisionen von nächtlichen Einbrechern, die sie oder ihre Tochter zum See herabschleiften, beschlichen sie des Nachts, und sie hatte Mühe einzuschlafen.

Letztendlich rettete ihr dies das Leben, denn im Tiefschlaf wäre ihr das leise Klirren der Fensterscheibe nicht aufgefallen.

SIe griff zu ihrem Handy und fluchte stumm: Das Handynetz war mal wieder so schwach, dass keine Verbindung zustande kam und Leonie beschlich eine leise Panik. Sie griff zu ihrer kleinen Pistole, die sie ständig bei sich trug und schlich herunter in die Diele. Die Holzbohlen der Treppe knarrten an bestimmten Stellen, und sie wusste wieder einmal nicht, welche es genau waren. Ein feiner Schweißfilm legte sich auf ihre Stirn, unter ihren Achseln bildeten sich breite feuchte Flecken. Am Ende war sie froh, unten angekommen zu sein ohne zu stolpern, denn die Füße fanden in der Dunelheit der Nacht nicht immer den Weg über die ungleichen Stufen.

Leonie unterdrückte mühsam ihren keuchenden Atem und verharrte still in der Diele, lauschte darauf, aus welcher Richtung Geräusche zu ihr dringen würden:

Nichts.

Die völlige Stille hatte sich wie ein Knebel über das Haus gelegt. Wie von ganz weit entfernt hörte sie zwar das leise Schnarchen aus dem Kinderzimmer, aber ansonsten hätte eine zu Boden fallende Nadel eine Explosion in den angespannt in die Stille horchenden Ohren verursacht. ‚Ich muss unbedingt mit Sarah zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sie hat bestimmt Polypen‘ schoss es Leonie durch den Kopf und fand sich im gleichen Moment mit einer irrsinnigen Wucht auf den Boden geworfen wieder. Das Gewicht des Angreifers hielt sie unten, und mit höchster Anstrengung unterdrückte sie einen Schmerzschrei. Ihre linke Seite tat unglaublich weh und wieder schossen ihr unsinnige Gedanken durch den Kopf.

‚Mit den blauen Flecken ist es eh nicht schlimm, wenn wir nicht baden gehen können‘, und sie sah ihren dunkelblauen Bikini vor sich, den sie mit einem Riesenritual gemeinsam mit dem kleinen bunten Spongebob-Badeanzug von Sarah in die Badetasche gelegt hatte. Während sie lautlos, verbissen mit dem Mann um ihr Leben kämpfte, hörte sie ihre eigenen Worte, die sie vor zwei Wochen zu ihrer Tochter sprach, mit tröstendem Ton um sie wegen der kommenden seelosen Tage ein wenig aufzumuntern: „Guck her, Kleines. Wir packen jetzt einfach schon mal die Badetasche, damit wir sofort loslaufen können, wenn sich alles wieder normalisiert hat. Und in der Zwischenzeit unternehmen wir halt andere Dinge. Du wirst sehen, die paar Tage sind im Nu verflogen!“

Eine abrupte Bewegung von der Person über ihr brachte ihr einen vertrauten Duft in die Nase, der sie erstarren ließ – und schon hörte sie eine leise, triumphierende Stimme, die ihr mit heißem, hasserfüllten Atem böse Worte ins Ohr stieß: „Du hast gedacht, ich finde dich nicht. Ausgelacht hast du mich, ja, ich weiß das!“

Martin.

Sie hatte seine Drohungen noch gut im Gedächtnis, schließlich hatten sie dafür gesorgt, dass sie sich die kleine Pistole besorgte, die nun gut geschützt unter ihrem Rücken lag, verborgen für seine Augen. Sein höhnisches Lachen erfüllte den Raum es sorgte dafür, dass sie die Gegenwehr vollends aufgab.

„Ein guter Platz, den du Dir zum Sterben ausgesucht hast. Hier wird dich keiner so schnell finden, und die Kleine nehme ich mit mir! Ich habe dich gewarnt, Schätzchen, niemand nimmt mir meine Tochter weg, niemand, hörst du?“

Leonie war immer noch sprachlos, starrte in diese funkelnden Augen, erahnte die Konturen dieses vor Hass verzerrten Gesichtes. ‚Überleben!‘ schoss ihr durch den Kopf. ‚Egal wie, aber du musst überleben!‘

Mit kleiner, ängstlicher Stimme jammerte sie ihn an: „Bitte, Du tust mir weh…“

Weiter kam sie nicht, denn er hatte sich in Rage geredet. Die Ohrfeige kam so unvermittelt, dass sie nicht reagieren konnte. Bevor sie ihre dadurch frei gewordene Hand realisierte, hielt er ihren Arm wieder fest.

‚Also weiter provozieren‘, dachte Leonie. ‚Was macht schon eine Ohrfeige, wenn sie am Ende die Chance zum Leben ist?‘

Schnell fing sie an zu reden, ließ ihn Schwäche fühlen, unterwarf sich seiner Regie. „Ich hatte…. hatte solche Angst vor Dir, und ich…“

Rumms!!

Die nächste Ohrfeige folgte, und Leonie stieß trotz der brennenden Schmerzen ihren Exmann mit aller Wucht die Hand vor den Hals. Röchelnd ließ er von ihr ab, und sie registrierte nebenbei das große Messer, das er anscheinend für sie mitgebracht hatte. Sie rollte sich zur Seite, griff zu der Pistole und gab wahllos drei Schüsse in seine Richtung ab. Sein Aufschrei verriet ihr, dass sie ihn getroffen hatte.

‚Hoffentlich habe ich nicht – ist er tot? OhmeinGott, was passiert hier? Sarah, hoffentlich bekommt sie das alles nicht mit!‘

Hektisch wanderte ihr Blick zum oberen Treppenansatz, und richtig. Das geschockte blasse Gesicht ihrer süßen Kleinen starrte herunter.

„Geh ins Zimmer, Sarah, rasch. Und schließ Deine Tür ab!!“

Der befehlende Ton ihrer Mutter zeigte ausnahmsweise sofort Wirkung. Das junge Mädchen drehte sich auf dem Absatz um und floh regelrecht in den Flur. Sie würde nun in ihren Sicherheitsraum, eine für diese Zwecke umfunktionierte Besenkammer, laufen und einen Notruf per Internet an Leonies Anwältin verschicken, das hatten die beiden schon oft spielerisch geübt.

Leonie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das leise schmerzvolle Keuchen, das der Kerl dort drüben von sich gab. Sie selbst schwieg wieder, denn es gab nichts mehr zu sagen. Heute Nacht galt nur noch: Entweder er oder sie, das wusste sie genau. Das Brennen in ihrem Hals wurde stärker, sie hätte gerne aufgeschluchzt, aber sie unterdrückte ihre Schwäche. Zum Weinen war später noch Zeit – wenn sie es dann noch konnte.

Der Schemen ihr Gegenüber hatte die Hand an den Bauch gepresst, offensichtlich hatte sie ihn dort getroffen.

‚Wer wird die Schweinerei hier wegmachen?‘ Schon wieder diese unsinnigen Gedanken… Leonie schüttelte sie ab und lächelte grimmig.

„Aufstehen!“ befahl sie ihm und richtete die Pistole gefasst und sicher auf ihn.

„Leonie… „

„Komm mir nicht so! Steh auf oder ich schieße noch mal, und diesmal treffe ich richtig!“ Sie legte alle Härte, die sie in diesem Moment für ihn empfand, in ihre Stimme. Martin versuchte es tatsächlich, brach dann aber stöhnend zusammen.

„Ich …. kann….. ich kann nicht“ stieß er keuchend und stotternd vor. Dieses Häuflein Elend hatte ihr solche Angst bereitet… und nun kroch es auf sie zu, nicht mehr in der Lage, ihr weh zu tun…Sie schrie auf und drückte noch einmal ab: Martin hatte sich mit einem Ruck auf das Messer geworfen und mit einer Hand versuchte er ihren Knöchel zu fassen, doch auch diesmal hatte sie mehr Glück als Verstand. Das Projektil fand seinen Weg in den Rücken des Mannes, den sie einmal geliebt hatte, und er brach vollends zusammen.

Leonie krabbelte so schnell sie konnte aus seiner Reichweite, schluchzend, völlig verängstigt, aber immer noch ließ ihre Wachsamkeit nicht nach. „Du Schwein!“ schrie sie ihn an, „du dreckiges mistiges Schwein, du bekommst uns nicht, nicht mich, und nicht Sarah! “ Ihre Stimme brach, und ein unkontrolliertes Zittern verband sich mit einem Weinen, das ihr die Spannung nehmen wollte. Unwillig wischte sie die Tränen mit der einen Hand weg, während die andere immer noch auf die reglose Gestalt am Boden zielte. ‚Tränen versperren die Sicht‘ schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst. ‚Willst du heulend sterben oder überleben? Reiß dich zusammen, Frau!‘

Und so saß sie dort noch undenkbar lang, bis sie das Geräusch eines Wagens hörte, aus dem für ein paar Sekunden lauthals die Melodie von der Fernsehserie „Unsere kleine Farm“ aufquäkte, das Erkennungszeichen für sie und gleichzeitig eine Abschreckung für jeden, der heimlich etwas Böses wollte. Martine, ihre Anwältin war da.

„Komm herein und mach das Licht an!“ rief Leonie ihr zu. „Aber Vorsicht, ich weiß nicht was mit ihm ist..“

Martine schrie entsetzt auf, als das Licht ihr die Szene bot, bei der leicht nachvollziehbar war, was geschehen sein musste. Leonie sah nicht zu ihr, ihre Augen waren noch immer auf das Bündel vor sich gerichtet.

„Ich glaube, er ist tot…“ flüsterte sie erschöpft. Martine beruhigte sich schnell und näherte sich vorsichtig dem Tatort. Ihr Gehirn arbeitete sofort wieder auf Hochtouren.

„Woher ist die Pistole? Hast Du sie ihm im Kampf abgenommen?“

„Nein. Ich hatte sie ihm gestohlen, und er hat es schon lange der Polizei gemeldet.“ Die Antwort kam zitternd, aber sachlich.

„Mist. Wirst Du einen Prozess durchstehen?“

Martine wusste, dass es abstruse Fragen waren, die sie gerade stellte, aber sie wollte einen Zusammenbruch vermeiden. Würde es zu einem Prozess kommen, wäre das ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse, und Leonie würde alles unternehmen wollen, um ihre Tochter vor diesem Schmutz zu schützen.

Die klare, durchdachte Antwort überraschte die Anwältin. „Nein. Wir werden ihn dem See überantworten. So ist er wenigstens zu was nutze.“ Das krächzende Auflachen war unheimlich.Die beiden Frauen näherten sich dem leblosen Körper. Während Leonie mit der Pistole sicherte, stieß Martine gegen seine Rippen, erst leicht, dann fester. Da keinerlei Reaktion erfolgte, beobachtete sie aus der Nähe den Brustkorb, aber er bewegte sich nicht. Mutiger geworden nahm fühlte sie an der Halsschlagader nach einem Puls, und nickte dann zufrieden zu ihrer Mandantin rüber.

„Das wars“ sagte sie und fügte hinzu: „Ich helfe dir ihn zum Boot zu tragen.“

„Sarah. Erst kümmere ich mich um Sarah“ widersprach Leonie, drückte ihrer Martine die Waffe in die Hand, murmelte „für alle Fälle“ und humpelte nach oben. Sie klopfte das vereinbarte Zeichen: „lang, lang, lang, lang, lang, lang, pause, schnell, schnell“, die Erkennungsmelodie von Spongebob und sagte dabei: „Sarah, mach auf. Et iss allet wieda juuut.“ Auch der Satz war vereinbart worden, denn ihre Mutter sprach sonst nie Dialekt, und so konnte sich Sarah sicher sein, dass sie es wirklich war und den Satz aus freien Stücken sprach.

Leonie hatte sich zu Anfang geweigert, als der Sicherheitsexperte all diese Vorschläge machte. Es tat ihr weh, ihre Tochter mit solchen Dingen konfrontrieren zu müssen. Aber nun war sie froh, dass sie auf ihn gehört hatte, denn ihr öffnete umgehend ein tränenverschmiertes, aber erleichtertes Mädchen die Tür zur Besenkammer. Die besorgte Mutter schloss ihr Kind fest in ihre Arme und beruhigte sie. Alles sei in Ordnung, der Mann könne niemandem mehr etwas anhaben. Sie habe alles wunderbar gemacht und wäre eine große Hilfe gewesen. Und nun könne diese unselige Kammer für immer von aussen zugeschlossen werden, es würde nie mehr etwas passieren.

So und mit anderen Sätzen murmelte Leonie in das Haar in ihrer Tochter, streichelte ihr über den Rücken und wartete, bis das Mädchen eingeschlafen war. Dann legte sie ihr Kind in das Bett, schloss die Jalousien vom Fenster zum See und eilte unter Schmerzen runter zu ihrer Anwältin und Freundin.

Die beiden arbeiteten schweigend und konzentriert. Der Leichnam wurde mit einer Schubkarre zum See gebracht und dort in das Boot gehievt. Das zweite Boot verbanden sie mit diesem, stiegen ein warfen den leise brummenden Aussenbordmotor an. Leonie wusste genau aus den Warnungen der Einwohner, wo die gefährlichen Stellen waren, und sie mussten nicht lange suchen.

Da vorne war einer.

So ein Strudel, der Mensch und Tier nach unten zog und dafür sorgte, dass der See es nicht wieder hergab.

Sie schmissen das kleine Boot um, kappten die Leine und sahen noch immer schweigend zu, wie der leblose Körper von dem Sog erfasst wurde und in den Tiefen verschwand.

„Was nun?“ fragte Martine, als nichts mehr zu sehen war.

„Zurück zum Ufer. Wir müssen sein Auto hier her fahren. Und ich schreibe eine kurze Notiz, dass mich seine Selbstmorddrohung nicht kümmert und schlage ihm die Stelle am See vor um es kurz zu machen. Wenn jemand fragt, ist er heute nacht da gewesen und hat versucht, sich mit mir zu versöhnen. Wir haben ihn nicht hineingelassen, da hat er das Fenster eingeschlagen um sich mit Gewalt Zutritt zu verschaffen. Wir haben ihn mit der Drohung, die Polizei zu rufen, verjagt und nichts weiter von ihm gehört.“

Leonie lächelte grimmig. „Dieses Literaturstudium ist endlich mal zu was nütze..“

Der Anwältin missglückte das Lachen. Sie schnaubte stattdessen und wendete das Boot zum Ufer hin.

In dieser Nacht fanden beide Frauen keinen Schlaf mehr. Sie putzten gründlich alle Blutspuren weg, reinigten die Schubkarre, schrieben die Notiz und legten sie in das Auto, das sie zum See fuhren. Als alles erledigt war, saßen sie gemeinsam auf dem Sofa und warteten auf den Sonnenaufgang.

Die Polizei prüfte nicht besonders gründlich. Der See hatte sein Opfer, und dann auch noch ein freiwilliges, warum weiter nachforschen? Alles deutete auf einen Freitod hin, also nahm man es an und schloss die Akte. Der Medienaufruhr um den Freitod des bekannten Jugendbuchautors hielt länger an, aber da niemand Leonies Anwesenheit verriet, gelang es ihr, unerkannt zu bleiben und wenigstens ihr kleines Eckchen Paradies zu wahren.

In den folgenden Monaten änderte sich das Bild rund um den See, das war der Preis, den Leonie für ihre Freiheit zahlen musste, und sie nahm ihn gerne an.

Das Bellen eines großen Hirtenhundes riss Leonie aus ihren Gedanken, und sie sah ihre junge Tochter auf sie zulaufen. Damals hatte Sarah darauf bestanden, einen Wachhund zu bekommen, und Ben, wie sie ihn tauften, half ihr über die angstvollen Zeiten hinweg und spendete ihr Trost, wann immer sie ihn brauchte.

Das helle Lachen des Teenagers wärmte Leonies Herz und holte sie endgültig in die Realität zurück. Mit einem letzten Blick über die Schulter hinweg, auf die mittlerweile vertraute Stelle im See, schloss sie dieses Kapitel wieder einmal und lief auf ihre große Kleine zu, weg vom erstarrten See, mitten hinein in ihr quirliges Leben.

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