Jahrestag

Der Regen prasselt auf das Parkdeck und füllt die Pfützen von gestern wieder auf. Da, wo wir immer rauchen gehen, ist es wenigstens halbwegs trocken, aber sitzen kann man da nicht. Was macht das schon. Ich sitze ja eh‘ den ganzen Tag am Schreibtisch, da kann ich in der Pause auch mal stehen. Meine Handgelenke jucken, da, wo die Verletzungen der vergangenen Woche heilen. Ich puste ein paar mal den Zigarettenqualm drauf, aber das kommt irgendwie nicht so gut, also lass ich es wieder. Zwei Monate hab ich da noch Spaß dran, meinte der Arzt, und ich frage mich, ob er weiß, dass das ein Nichts ist gegen das Jahr, das ich nun schon ohne Dich aushalte.

Woher sollte er das auch wissen. Niemand weiß das, noch nicht einmal Du.

Ich habe Pizza bestellt, aber die lässt auf sich warten, und die Kaugummis helfen auch nicht gegen den Hunger nach Dir. Dieses leere, hohle Gefühl habe ich seit Neuestem immer, gleich ob ich es satt habe oder wieder mal merke, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hab. Es ist auch gleich, denn wie auch immer ich versuche, meinen Gefühlen das Maul zu stopfen, es gelingt mir nicht.

Immer weisen sie mich auf die Lücke hin, die Du hinterlassen hast.

Pizza, ach ja. „Pizza Amore“, mit Artischockenherzen, damit ich wenigstens einmal ein bisschen Liebe genießen kann. Ich hasse Artischockenherzen. Ein Salat wäre mir jetzt lieber gewesen, aber was tut man nicht alles für die Liebe? Und nach „Insalata Capriciosa“ war mir nicht, schon rein dem Namen nach. An einem der Autos auf dem Parkdeck blinkt immer eine der Leuchten auf. Der Besitzer ist nicht in der Nähe und trotzdem blinkt da was. Wenn der nachher zu seinem Wagen kommt, ist bestimmt die Batterie leer. Warum zum Teufel sind diese Wagenbauer nicht mal in der Lage, dieses Blinken in den Griff zu kriegen? Immer dunkler werden die Wolken über mir, die Tropfen sind schon recht massiv. Ausdrücken muss ich die Zigarette bestimmt nicht.

Ich würde jetzt gerne Deine Stimme hören.

Aschenbecher werden bei uns an die Wand genagelt, dieser hier sieht wie ein missglückter Briefkasten aus, anstelle eines Briefschlitzes ist auf der einen Hälfte ein Gitter angebracht, auf dem man die Zigaretten ausdrücken kann. Auf der anderen Seite ist dann ein Schlitz für die ausgedrückten Kippen. Letztens hat ein Briefkurier einen Umschlag dort deponiert, und ein noch glimmender Stummel hat den Brief in Brand gesetzt. So kann’s auch gehen – so wies Leben halt, irgendwann geht alles ab in den Kasten, return to sender. Ich drücke meine Kippe doch aus und schleich mich über den Flur wieder zurück, mal sehen, wann meine Liebe geliefert wird.

Rauchen ist im Büro verboten, ist ja ungesund. Pausen durchmachen, Stress durch zu wenig Arbeitskräfte, missverständliche und widersprüchliche Chefentscheidungen, Essen zwischen Tür und Angel: nicht. Vor allem Traurigkeit, die ist ok, solange wir lächeln und arbeiten. Mein kleiner Bruder hat mir einen Pinguin von McDoof geschenkt, wenn man den wirft, sagt eine Stimme immer: „Aaaah – ha! Lächeln und Winken, Männer, Lächeln und Winken!“ So oft hab ich dieser Stimme schon gesagt, dass sie Pech gehabt hat, dass ich kein Mann bin und bestimmt nicht auf Anweisung lächeln werde. Den Pinguin scheint das nicht zu interessieren, ebenso wenig wie meinen Chef, dass meine gute Laune nicht vertraglich vereinbart ist.

Lächeln kostet Aufschlag, nur Höflichkeit ist im Preis inbegriffen.

Der Kaffeeautomat rückt mal wieder keinen Kaffee raus, mein Geld gibt er auch nicht zurück. Die Kollegin hat wieder das Parfum aufgelegt, wovon mir so übel wird. Am Besten rede ich doch mal mit ihr, vielleicht hilft es ja. Bis jetzt hat mir das alles nichts ausgemacht, aber da waren wir ja auch noch nicht in einem Büro zusammengepfercht.

Und ich dachte immer, Käfighaltung sei verboten.

Doch das scheint nur bei Geflügel so zu sein. Da bekommt der alte Schlager wieder eine ganz aktuelle Bedeutung…Heutzutage darfst Du kein Schwein sein, sondern froh und glücklich darüber, wenn Du ein Huhn bist. So lange Du immer schön brav und produktiv bist und täglich mindestens ein Ei legst, kommst Du nicht in die Suppe. Im Ausschnitt meines Pullovers hängt irgendwo ein Haar herum, kitzelt meinen Brustansatz bis zum Wahnsinn und ich wünschte, es wäre Deine Hand. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass die Wolken sich leer regnen, zumindest zeitweise wird’s gleich trocken sein, davon bin ich überzeugt. Wenigstens so lange, bis ich losfahren muss.

Mairegen soll ja schön machen. Mir hat er noch nie geholfen, und mittlerweile ist es auch schon Juni. Himmel, wie oft haben wir über solche peinlichen Binsenweisheiten herumgealbert, sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und verdreht, so dass sie beinahe tatsächlich einen Sinn bekamen.

Nur bei uns, da hat das nie geklappt. Da ist es sinnlos geblieben, von Anfang an und bis in alle Zeiten.

Einen Sinn kann ich in dem, was ich hier zu tun habe, auch nicht entdecken, nur dass es Geld einbringt und meine Miete sichert, und noch Einiges mehr. Dafür aber acht Stunden hier absitzen mit garantiert einer halben Stunde Pausenabzug für eine Pause, die meist nicht gemacht werden kann, das zieht ganz schön runter. Meine Welt ist das nicht, aber Welten gibt es so viele, und meine findet selten Berührungspunkte zu Anderen. Inmitten einer Weltenmenge bin ich immer noch abgeschirmt, mein Schutzschild ist intakt und wird immer wieder nachmodifiziert, und solange ich mir keinen Virus einfange, werde ich wohl unberührt weiter durchs Leben kommen. Viren sind kleine häßliche Dinger, die können einem echt das Leben kosten. Ich hätte gerne von Dir gekostet, nur stehe ich schon so lange unter Quarantäne, dass das Leben zwar noch meins ist, allein, es hat mich eben vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ich wäre so gerne blind, manchmal.

Blind sein hat seine Vorteile, auch wenn wir alle immer mitleidig an den Leuten mit der gelben Binde vorbeiziehen. Man hat das Elend nicht so vor Augen, muss niemanden grüßen und kann seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne dass die einer am Blick erkennen kann.

„In deinen Augen kann man lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch“, hast Du immer gesagt.

Und ich, ich wusste nie, woran ich gerade bei Dir bin.

Endlich Feierabend, und endlich kann ich mich in die Badewanne zurückziehen. Kerzen stecke ich keine mehr an, und auch die Musik habe ich mir abgewöhnt, sie ist zu laut und lenkt meine Gedanken ab von den Buchstaben meines Buches, Buchstaben, die sich nicht mehr zu Worten, ganzen Sätzen zusammenfügen lassen. Bestimmt liegt es an mir.

Ein ganzes Jahr nun schon.

Und noch immer kann ich mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen.

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