Klingender Abschied

Die Nachmittagssonne hatte bereits gewaltig an Kraft verloren, ein diffuser Nebel lag, einem Organzatuch gleich über ihr und tauchte den Friedhof in ein unwirkliches Licht, als sie ihn zu seiner letzten Ruhestätte brachten.
Mariana lief gesittet hinter der kleinen Prozession her, den Kopf gesenkt, ihre Füße hielten sich zurück und hielten den gemessenen Trauerrythmus ein. Hier war kein Sturmschritt, keine Eile geboten, und so hing sie auf dem Weg zum Grab ihren Gedanken nach, Gedanken, die einer Witwe nicht gut zu Gesicht stünden, hätte sie jemand erforschen können.
Der Schweinehund war endlich tot, und sie war nach der Trauernacht eine freie Frau, das hatte der Landvater Maximus der jungen Witwe versprochen. Ein ganzes Jahr hatte sie Zeit, sich um einen Nachfolger zu kümmern, erst dann würde er einen passenden Kandidaten aussuchen. Dass sie ihm in der vergangenen Zeit zu Diensten gewesen war, hatte sicherlich dazu beigetragen.
Mariella war immer noch eine attraktive Frau, und der kleine Hof würde sein Übriges dazu tun, dass sie sich für den Rest ihres Lebens einen angenehmeren Bettgenossen aussuchen konnte. Schon jetzt hatten einige Interessenten bei ihr vorgesprochen und ihr Beileid bekundet, und der eine oder andere sagte ihr schon zu. Der Sturm im vergangenen Winter hatte besonders die Frauen getroffen, da der Großteil der Männer beim Ti-Ing in der Höhle von Leyghuargh weilte, als die Böen die Dächer der Häuser ergriffen und hinfort schleuderten. Mütter und Kinder wurden von herumfliegenden Dachbalken erschlagen, holten sich das Lungenfieber oder wurden einfach fortgeweht bei dem Versuch, sich in den Sturmkeller zu retten. Die alte Maithani hatten sie im Wipfel eines hohen Baumes gefunden. Tagelang hing sie dort in den leergefegten Zweigen, wie ein Mahnmal der Windgötter, die mit ihrem Schlag gegen die Bewohner des Leyghriddid ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen wollten. Und mit der alten Maithani hatten sie das rechte Opfer gewählt, war sie es letzthin, die stets gegen die Götter gewettert hatte, davon herumsponn, dass es nur einen einzigen Allmächtigen geben würde und dass dieser eine Gott die Ungläubigen an ihrem Lebensende in Gut und Böse aufteilen würde.
Wie irrsinnig diese Behauptungen waren, wusste jeder. Niemand war nur gut oder nur böse, zumindest nicht in der Region, in der sie lebten. Hier machten alle mal Fehler, aber niemand war absichtlich und ohne Grund so. Ein einfacher Bann ließ die meisten der Bürger schnell wieder zur Besinnung kommen, denn es war nicht einfach, in einer Gemeinschaft zu leben und von ihr nicht beachtet zu werden: Niemand half in Notlagen, der Gebannte konnte nichts einholen, selbst in Gesprächen wurde er ausgegrenzt, und das für eine Mindestzeit von 7 Sonnenaufgängen.
Das alles aber wies Maithani weit von sich, und in ihrer unerbittlichen Beharrlichkeit schaffte sie es mit der Zeit, eine gewisse Klientel als Anhängerschaft zu werben. Die Götter aber ließen sich nicht an die Seite schieben, und wer das alte Weib dort hängen sah, schlug sich ein Aufbegehren gegen „Sie“ schnell wieder aus dem Kopf. Die Landesväter übersahen geflissentlich die Notwendigkeit, die schaurige Gestalt aus dem Baum zu holen, bis sich letztendlich einer erbarmte und heimlich des Nachts den Baum erklomm und Matihani aus den Zweigen löste.
Die Ankunft am Grab riss Mariella nur halb aus ihren Gedanken, und sie erledigte mechanisch die Rituale, die von ihr gefordert wurden.
Sie band das Klingelseil um seinen Zeh, legte ihm den üblichen Haselzweig auf die Brust, legte das bemalte Seidentuch über sein Gesicht und murmelte dabei die erforderlichen Worte: “ Im ewigen Sein erwartest du mich, das Tuch wird unser Erkennen sein. Der Haselstrauch wird deine Nahrung sein. Das Seil zieh straff, wenn Du noch unter uns weilst.“
Nun traten die Männer zu ihr hin und reichten ihr den Witwengroschen, mit dem sie dann den Totengräber zahlen sollte, sofern das Grab wieder geöffnet werden musste. Die wenigen Frauen, die dem Begräbnis beiwohnten, brachten Mariella eine warme Decke und Speisen und Getränke für die Trauernacht. Zu guter Letzt reichte der Landesvater ihr eine Laterne, die die Dunkeheit aussperren sollte. So war es Brauch in der Gemeinschaft: Alle sorgten füreinander, und in der Trauernacht zogen sich alle zurück um die Hinterbliebene in ihrem Schmerz nicht zu stören.
Die Trauernacht selbst hatte zwei wichtige Funktionen: Zum Einen sollte den Hinterbliebenen die Zeit gegeben werden, sich in Ruhe von dem geliebten Menschen zu verabschieden, sich mit den Gottheiten auszusöhnen um dann, am folgenden Morgen, den Weg ohne Ballast weiterzugehen.
Zum Anderen wachten die am Grab Trauernden darüber, ob der Verstorbene auch wirklich dahingegangen sei. Manchmal wachte ein Toter noch einmal auf, wenn die Götter ihm gnädig gestimmt waren, und dann musste jemand zur Stelle sein, der das Grab öffnete und ihm so den Zugang zu den Lebenden wieder möglich machte. Dafür war auch das Klingelseil gedacht: Wenn der Mensch schon unter der Erde weilte, hatte er keine Möglichkeit, sich noch verständlich zu machen. Wackelte er aber mit dem Zeh, erklang oben auf dem Grab ein kleines Glöckchen, und so konnten die Hinterbliebenen schnell reagieren und den Totengräber rufen.
Die Trauernacht war wichtig, unaufschiebbar und bewies einmal mehr die Fürsorglichkeit der Gemeinschaft untereinander.
Im Anschluss an das Zeremoniell verließen die wenigen Beteiligten den Ort der letzten Ruhe und ließen die junge Witwe allein am Grab zurück. Mariella sank auf die Knie um die Götter um Beistand für die Nacht anzurufen, sie wusste, dass noch einige Zaungäste eifrig darauf achten würden, wie sie sich verhalten würde. Und so überließ sie sich wieder ihren Gedanken an die Männer, die in den letzten Tagen bei ihr anklopften.
Da war der fromme Joshua, ein lieber Kerl mit dem Herz am rechten Fleck. Arbeitsam, gut aussehend, höflich. Sein Hof warf genug für eine ganze Familie ab. Der perfekte Kandidat, oder besser gesagt, er wäre es, wäre da nicht seine Mutter, die unerbittlich das Szepter schwingen würde und jedes Weib mit eigener Meinung gleich vom Hof jagen würde. Mariella wusste genau, dass sie das Probequartal nicht überstehen würde, ja, sie gab sich selbst noch nicht einmal eine Woche, dann wäre eine von ihnen beiden tot oder sie wieder in ihrer Kate. Fast musste sie schmunzeln bei diesen Überlegungen. Das Gute, was sie ihrem Sohn beigebracht hatte, gereichte ihm auch zum Nachteil, denn er war unfähig, sich gegen seine Mutter durchzusetzen. Die einzige Hoffnung, die er hatte war, dass seine Mutter irgendwann das Zeitliche segnete, und das nach Möglichkeit bevor ihn keine vernünftige Frau mehr nehmen wollte.
Sie verwarf den Gedanken an Joshua und überlegte weiter. Michaelis war sehr anziehend, und fast könnte sie schwach werden beim Gedanken an ihn. Jedoch war er ein Trunkenbold, Haus und Hof verkamen, seit seine Gattin im Winter von einem Scheunentor erschlagen wurde. Er war zu der Zeit mit den anderen Männern in der Höhle, aber seine Interessen hatte er wie immer nicht auf dem Ti-Ing wahrgenommen. Oder besser gesagt, er war nur seinem Hauptinteresse nachgekommen und lag bezecht auf seinem Lager. Keine Option für sie also.
Der dicke Baudino kam gar nicht in Frage. Ebenso wenig der dürre Hanthal, der hatte einen Buckel und ein arg verschlagenes Grinsen. Beim Anblick dieser Beiden lief ihr ein Schauder über den Rücken, das Bett könnte sie nie mit ihnen teilen, so fürsorglich sie sich auch in den letzen Wochen um sie und ihren Hof gekümmert hatten.
Während die Sonne hinter den Bäumen am Friedhofsende langsam versank, ging Mariella jeden einzelnen auf ihrer Liste durch, bedachte ihre Vor- und Nachteile, wohl wissend, dass sie immer noch von neugierigen Augen umgeben war.
Dann endlich, als die Nacht hereinbrach, war sie sicher, dass auch der letzte der Trauergäste sich heim an seinen warmen Kamin begeben hatte, entspannten sich ihre Gesichtszüge und Mariella gönnte sich ein gutes Nachtmahl. Alles aß sie nicht auf, sie war sich im Klaren darüber, dass die Nacht noch lang werden würde, und am Morgen schlafend aufgefunden werden, nein, das war undenkbar. Ihr Ruf würde dadurch einen irreparablen Schaden nehmen, die selbstständige Suche nach einem neuen Gatten wäre damit beendet, bevor sie richtig begann. Also kuschelte Mariella sich in die Decke und bewahrte ein paar energiereiche Happen für später auf.
Die Stille des Friedhofs war etwas, das sie begrüßte. Kein geistloses Geplapper der Landfrauen, keine zweideutigen Anspielungen ihrer Ehemänner, denen sie mit Vorsicht antworten musste – sie und ihre Zukunftspläne hatten nun endlich Zeit füreinander. Den Gräbern schenkte Mariella keine Beachtung, die kleine und zierliche Frau war sich völlig darüber im Klaren, dass hier keine Geister hausten. Einzig der Wind ließ die Blätter und Zweige rascheln, und sie musste an sich halten, nicht laut zu singen, um dieser beruhigenden Melodie zu widerstehen.
Aber auch so sank Mariella langsam in einen Dämmerzustand. Die Wärme der Decke, die Dunkelheit und das gute Essen ließen es nicht zu, dass sie einen wirklich klaren Gedanken fassen konnte. Namen zogen an ihr vorüber, Gesichter, die nicht zu passen schienen, und fast wäre sie trotz aller guten Vorsätze eingenickt, wäre da nicht dieses störende Klingeln gewesen, das sie von ihren Traumwegen weglocken wollte…
Mit einem Schlag war sie wieder wach. Ein Klingeln, hier am Ort der letzten Ruhe? Das konnte doch nur eines bedeuten…
„Nein….“ Sie stöhnte verhalten auf, die Stimme heiser durch das lange Schweigen, und so erschrak sie vor dem fremdartigen Klang. Sie räusperte sich, versuchte es noch einmal, noch leiser. „Das kann nun nicht wahr sein.. du bist tot!“ Sie flüsterte ihren ganzen Unmut der Klingel zu, die da so munter und lebendig in ihrer Halterung auf und abhüpfte.
Das war so typisch für ihn. Immer, immer wieder durchkreuzte er ihre Pläne, wenn sie kurz vor ihrer Beendigung standen. So oft war sie voller Hoffnung gewesen, dass sie sich das eine Mal durchsetzen konnte, und er wartete bis zum letzten Moment, lauerte, passte den Moment ab, in dem sie sich in Sicherheit wiegte, um dann um so grausamer zuzuschlagen, alle Träume und Pläne machte er dann mit einem einzigen Hieb zunichte – und sie stand einmal mehr da, hilflos, mutlos, mit den Scherben in der Hand.
Und selbst jetzt, in ihrer letzten Nacht, die sie mit ihm verbringen musste, wollte er ihr einen Strich durch die Rechnung machen… Es war in den letzten Jahrzehnten nie vorgekommen, dass jemand wieder von den Toten erwachte. Nur er, er allein brachte das fertig, nur um es ihr zu zeigen… Sie würde erneut dastehen, mit nichts in der Hand, den nichtsnutzigen Kerl an ihrer Seite, und vorbei wäre es mit all den schönen Plänen von Wohlstand und einem ruhigen Leben.
Mariella sah sich um. Sie war sich sicher, dass sie allein war, mit ihm. Sie würde den Totengräber holen müssen, sie allein war nicht in der Lage, das Grab wieder aufzuschaufeln.
Aber…. musste sie ihn denn rufen? Was wäre denn, wenn sie …
Noch einmal schaute sie sich gründlich um, das feine Klingeln des Grabglöckchens im Bewusstsein.
„Nein. Diesmal bekommst du deinen Willen nicht, Angus McPherson!“ Mit ruhigen Händen strich sie ihren dunklen Rock glatt und zog die Decke enger um sich. Das Glöckchen schien heftiger zu schaukeln. Konnte er sie hören oder bildete sie sich das nur ein?
„All die Jahre vergeudet an einen Taugenichts, und nun willst du mir weismachen, dass du noch lebst? Soll ich dir sagen, was ich gerade höre? Das Quaken eines Frosches, es ist so laut, dass nichts anderes mehr zu meinen Ohren dringen kann… “
Mariella rief sich in Erinnerung, wie alles begonnen hatte, das ganze Elend, was sie bis heute nun hatte ertragen müssen. Dass sie ihn nicht ausstehen konnte, interessierte Angus McPherson nicht. Er warb um sie, und als sie ihn ablehnte, ging er einfach zum Landvater und ließ sich dort die Erlaubnis geben, sie zu ehelichen. Ein Mitspracherecht hatte sie dadurch nicht, und ihre Eltern waren froh, eines der vielen hungrigen Mäuler loszuwerden.
„Ich hatte Angst vor dir, alter Mann. Ich ekelte mich davor, dir auch nur die Hand geben zu müssen – aber dich hat das alles nicht interessiert, nein. Ich erinnere mich noch genau an Deine Ansprache in der Hochzeitsnacht: Tagsüber eine billige Arbeiterin – Nachts im Bett eine Hure, das war es, was du von mir verlangtest. Und in jeder Nacht kamst du über mich, bis ich bei dem alten Kräuterweiblein um Hilfe bettelte. Das einzige Mal, dass du mir nicht dahinter kamst… Du warst abends müde und deine Manneskraft schwand…. So blieb mir wenigstens erspart, deine Bälger auszutragen!“
In ihrer Aufregung wurde Mariella fast laut, und erschrocken hielt sie inne.
Das Glöckchen klingelte beharrlich.
Sie überlegte, aber nur kurz.
„All die Abende, in denen ich dich aus dem Gasthaus holen musste… Vor allen anderen hast du meine Brüste freigelegt, bezecht wie du warst. Sie seien schuld, dass du nicht mehr deinen ehelichen Pflichten nachkommen könntest, hast du gerufen… Und du hast nicht die begehrlichen Blicke der anderen Mannsbilder gesehen, und nicht bemerkt, wie alle über dich lachten – ein betrunkener Narr, der sich eine Blöße gab, indem er den Busen seiner Frau entblößte! Am Ende sah schon keiner mehr hin, sie warteten nur noch auf den Anblick meiner blanken Haut und wandten sich dann wieder ihrem Whiskey zu… Nur du, du hast es nicht begriffen. Selbst als Lachnummer taugtest du nicht mehr!“
Angus war am Ende fast jeden Abend im Gasthaus gewesen und hatte getrunken, Streit angefangen, und war dann irgendwann, zu angeschlagen zum laufen, am Tisch eingeschlafen. Der Wirt hatte ein gutes Herz, und er wusste, dass er Mariella eine Pause verschaffte, wenn er ihn dort schlafen ließ. Fing er aber an zu schnarchen oder zu randallieren, ließ er sie rufen, und ihr Martyrium begann. Erst die Demütigung im Wirtshaus, dann der Weg heim, wo sie ihn mehr schleppen als halten musste, am Ende dann immer wieder der Versuch, doch noch einen Geschlechtsakt durchzuführen. Er riss ihr die Kleider vom Leib, schlug sie, riss sie an den Haaren in die Knie und zwang sie, ihm zu Willen zu sein. Es klappte nie, die Kräuter waren einfach zu gut.
Die blauen Flecken, die zerrissenen Kleider sahen allerdings alle. Durch seine Zecherei, die Spielerei und die etlichen Schlägereien, die einen Schadenersatz forderten, war sein Hof bald verschuldet, und die zerfetzten Kleider mussten von Mariella geflickt werden. Eines Abends schnitt er ihr vor lauter Wut die Haare ab, weil sie den Wirt gebeten hatte, ihm nichts mehr zu geben.
„Rind für Rind, Schwein für Schwein mussten wir in Zahlung geben, dabei hätte es gereicht, das einzige wirkliche Schwein vom Hof zu entfernen! Deine Amouren hätte ich dir gegönnt – hättest du sie nicht aushalten müssen, damit sie überhaupt bei dir blieben… Und ich weiß, dass es viele waren, UND ich weiß auch, dass sie alle über dich redeten. Sie lachten über dich und erzählten sich, dass du eh nicht Manns genug für eine leidenschaftliche Nacht wärst, und so nahmen sie dich aus wie eine Weihnachtsgans… das Geld für den Tierarzt, für die Steuern, ja selbst das Begräbnisgeld für deine Mutter hast du verspielt, versoffen und verhurt!“
Fast unmerklich wurde das Klingeln zögerlicher. Sie betrachtete es genau, sah weg und dann nach kurzer Weile wieder hin, um sicher zu gehen – aber es WURDE weniger. Mariella grinste böse.
Das war ein Ende, das seiner würdig war. Gefangen unter der Erde, im völligen Dunke aufwachen und feststellen, das er allein war – und die einzige Verbindung zur lebenden Welt ein Glöckchen, dass immer dünnere Töne von sich gab…
„Und dann der Haushalt! Mit deinen Kumpanen hieltest du so oft hier Einkehr, ihr zerschlugt Teller und Tassen, wenn ihr Streit miteinander hattet. Und meine einzige Aussteuer, das Schmuckkästchen mit der Tänzerin auf dem Deckel, hast du einfach versetzt – ich sah es vor kurzem erst bei Prudence, sie hat es dem Pfandleiher aus der Tasche gezogen – und wirklich geholfen hat es auch nicht, letztendlich stehe ich hier vor dem Nichts.“
Das Kästchen…. ein Geschenk ihrer Freundin, die schon früh sterben musste. Im harten Leben der Bergbauern ging sie einfach unter, verging wie eine Blume, die im harten Winter zu früh ihren Kopf aus der Winterdecke steckte…. Der raue Wind dort machte ihrer Lunge zu schaffen, ließ ihr keine Gelegenheit Luft zu holen.
Wie Lizzy an das Kästchen gekommen war – das war bis heute zweifelhaft, selbst Mariella gegenüber schwieg sie sich aus. Fest stand nur, dass sie es bis zur Geburt ihrer kleinen Tochter nicht hatte – und ein wenig später stand es auf ihrem Nachttisch, als hätte es dort schon immer gestanden: handgearbeitet, mit einer wundervollen Schnitzerei versehen, ein kleines Mädchen, das auf einer Sommerwiese stand und tanzte. Das Haar flog sichtlich, und der kurze Rock wirbelte um sie herum, dass man die Bewegungen des Mädchens sichtbar spüren konnte. Es war ein wunderschönes Kästchen, und als Lizzy es an Mariella weitergab, bat sie darum, dass ihre Freundin es immer in Ehren halten würde.
Und nun war es fort, in den Händen einer nichtsnutzigen Edelmannstochter gelandet, die ihr Stickzeug darin aufbewahrte.
Mariella wandte sich noch mal an das immer schwächer klingende Glöckchen.
„Geht dir die Luft da unten aus? Hoffentlich nicht so schnell, denn ich werde dir noch von meinen Plänen erzählen, die ich nun endlich durchführen werde, denn ohne dich werde ich alles erreichen! Du wirst mir keine Knüppel mehr zwischen meine Beine werfen. Ich bin gestrauchelt, aber nicht gefallen. Du hast mich gestoppt, aufhalten kannst du mich nicht… “
Und sie erzählte Angus, dass sie den Hof wieder auf die Beine stellen würde. Dass sie seinen ärgsten Widersacher, James Alexander ehelichen würde. Gerade weil dieser kein eigenes Gut hatte, weil sie dann schalten und walten könnte, wie sie es immer vorgehabt hatte. Weil sie dann endlich einen Hof hätte, ohne Verwandtschaft im Nacken, mit einem Mann an der Seite, der sie verehrte.
Während sie erzählte, stellte sie sich vor, dass ihr Nichtsnutz von Gatte jedes Wort hören konnte, dass er dort unten lag und in hilfloser Wut versuchte, aus dem Sarg zu entkommen. Es würde ihm nichts nutzen, überlegte sie kühl. Würde er den Sargdeckel einschlagen, würden die Erdmassen auf ihn rutschen und ihn begraben – die Erde würde sich in seinen Mund graben, die Lungen festsetzen, ihm die Brust tonnenschwer zerdrücken. Sollte er sich nicht schon den letzten Funken Verstand fortgetrunken haben, würde er wissen, dass seine einzige Chance das Glöckchen war, die einzige Möglichkeit, andere auf sich aufmerksam zu machen.
Behutsam, fast liebevoll nahm Mariella das Glöckchen in die Hand, um es am Klingeln zu hindern. Sie spürte die Zuckungen in ihrer Hand, und lächelnd streichelte sie über das kalte Metall, mit sich und der Welt versöhnt.
Die Gerechtigkeit, die Jahre des Elends und der Bitterkeit, sie steckten alle dort, in diesem kleinen filigranen Laut, der nun nur noch tönern zu hören war, gedämpft von der schlanken kleinen Hand, die es festhielt. Und mit jedem schwächer werdenden Beben zog mehr Ruhe in ihr Herz, verdichtete sich die Gewissheit, dass dieser Plan nicht vereitelt werden würde.
Sie würde ihren Weg gehen.
Ohne ihn.
Endlich.

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