Mikos Fest

Der Schnee fiel leise in dicken Flocken vom Himmel und bedeckte den Boden mit einer weißen Schicht, die sämtliche Konturen weicher machte, bis zur Unkenntlichkeit verformte. Kalt war es, und er war heilfroh, dass er den Schutzanzug auf diese Reise mitgenommen hatte. Dicke Handschuhe und nicht minder dicke Stiefel schützten seine Extremitäten nicht nur vor der Kälte, die für ihn völlig ungewohnt war. Überhaupt war hier alles fremd für ihn und er fühlte sich das erste Mal in seinem Leben völlig verunsichert.
Statt der berstenden Fülle in den Städten seiner Heimat waren hier wenige Menschen unterwegs, und wenn sie ihm begegneten, nickten sie ihm freundlich zu.
„Komisch“, dachte er, „dass sie mich überhaupt wahrnehmen. Eigentlich sollten sie doch viel zu viel zu tun haben, in dieser Zeit des Jahres.“ Zuhause war es um diese Zeit immer hektisch. Alle seine Freunde und Bekannten waren wie in einem Rausch, kauften Weihnachtsdekorationen, unnütze Geschenke, planten Essen, von dem der Großteil doch im Müll landen würde. Überall plärrten Weihnachtslieder, bei denen es um Geschenke, Liebe, verlorene Liebe ging, nicht aber um das, weswegen man ja eigentlich dieses Fest feierte.
„Adventszeit“, spann er seine Gedanken weiter, „Zeit der Ankunft. Nur, wo kommen wir denn an? Im Geschenkehimmel?“ Er war froh, dass er diesem ganzen Irrsinn entkommen war.

Es war so verdammt dämlicher Moment gewesen: In der Agentur hatten sie jemanden gesucht, der eine Kirchenorgel spielen kann. Niemand hatte sich gemeldet, und je näher der Termin rückte, um so verzweifelter suchte der Chef eine Möglichkeit, diesen Auftrag doch noch bedienen zu können. Der Agentur ging es nicht besonders gut, und in den vergangenen Wochen und Monaten hatten Miko und die anderen immer seltener Aufträge bekommen.

„Mikhalkin!“, brüllte Wenzel über den Flur. Ein Zeichen dafür, dass Miko zum Chef kommen sollte. Das war immer so: Der Chef kam aus dem Büro, brüllte einen Namen, und der Angesprochene wusste Bescheid, nein: Alle wussten Bescheid. In diesen Tagen hieß das: Rausschmiss. „Ich kriege einfach keine Aufträge mehr für dich rein, Junge“, sagte Wenzel dann und klopfte mit dem Kugelschreiber auf der Schreibunterlage.

Klick-Klick, Klick-Klack.
Klick-Klick, Klick-Klack.
Klick-Klick, Klick-Klack.

Bei jedem Klick-Klick fuhr die Mine des Kugelschreibers aus dem Gehäuse heraus, bei jedem Klick-Klack fuhr sie wieder hinein. Wenn dann einer dort saß, der nicht begreifen konnte, was gerade geschah, wurde das Klicken schneller, fester. Ungeduldiger.

Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack-Klick-Klack.

Miko wusste, dass er den Chef nicht warten lassen sollte, aber dann fehlte ihm doch der Mut. Rausschmiss. Es ist die eine Sache, ständig damit zu rechnen, dass die Reihe an einen selbst kommt. Wenn es aber dann tatsächlich soweit ist, sieht es wieder ganz anders aus.
„Mikhalkin!“ Der Ton war lauter geworden, ungeduldiger. Wenzel würde nicht mehr lange warten. Dann käme er aus seinem Büro geschossen und würde Miko die Papiere im Flur in die Hand drücken, in der Öffentlichkeit. Unter den Augen unzähliger mitleidiger Kollegen, deren Blicke er garantiert nicht ertragen könnte. Also raffte er sich auf und schlich zur Büro des Chefs.
Die Tür stand offen; Wenzel saß schon wieder auf seinem Stuhl. Ein großes Büro war das, luxuriös eingerichtet. Fast schon ein bisschen protzig, hatte Miko immer gedacht, wenn er zum Chef zitiert wurde. In Anbetracht seines Rausschmisses kam ihm die Ausstattung nahezu dekadent vor.

Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick-Klick.

Der Ton des Kugelschreibers verriet, dass Wenzel fast vor einer Attacke stand. Was für eine, wollte Miko gar nicht erfahren. Ihm war es ziemlich gleich, ob es Panik, Wut oder ein Herzinfarkt war, womit sich sein Chef herumschlug. Nichts davon wäre angenehm, hautnah mitzuerleben, also rasselte er schnell eine Entschuldigung herunter und setzte ein dienstbeflissenes Gesicht auf.
„Ach, lassen sie das, Mikhalkin!“ Miko hatte sein Verslein noch gar nicht ganz aufgesagt, als der Wenzel ihm schon ungeduldig ins Wort fiel. „Kommen wir lieber zur Sache, damit das endlich vom Tisch ist!“
Miko lächelte bitter. Jetzt war es schon so weit, dass Wenzel sich seine heuchlerische Rede sparte. Ex und Hopp, raus und außer Spesen nichts gewesen. Ihm begannen die Knie zu zittern.

„Darf ich mich setzen?“, fragte er und wartete die Antwort gar nicht ab. Erstens hatte er Angst, dass ihm die Beine gleich wegknicken würden. Und zweitens war es ja nun eh egal. Wenn er schon flog, hatte er auch nichts mehr zu befürchten.
„Klar doch, Mann“, erwiderte Wenzel. Er schien gar nicht bei der Sache zu sein. Immer wieder wühlte er in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch herum, blickte ab und an zu Miko, bevor er wieder eitersuchte. Miko beschloss einfach abzuwarten. Sonst saß er um diese Zeit im Aufenthaltsraum fror wie ein Schneider. Freitag abends war die „heiße Phase“, wie sie hier immer sagten. Es war die Zeit, in der er darauf wartete, ob nicht doch noch irgendeiner Band auf den letzten Drücker ein Saxophonist oder ein Organist fehlte und somit seine drohende Kündigung aufgeschoben wurde. Nun, hier war es wärmer, der Stuhl war bequemer, und zuhause wartete nur das klapprige Feldbett, das er im Sozialkaufhaus für 15 Euro ergattert hatte.

Igor war ein Flüchtling. Schon vor Jahren war er aus Russland abgehauen und in Deutschland untergetaucht, weil er als Schwuler und als politischer Aktivist in seinem Land Gefahr lief, deportiert zu werden.

Igor, sein bester Freund, hatte damals gelacht und gesagt: „Junge. In Russland hast du als schwuler Musiker nur eine Möglichkeit. Du musst gegen das System kämpfen.“ Er schleppte Miko zu jeder Veranstaltung mit, beauftragte ihn mit kleinen Aktionen, bis er verhaftet wurde. Miko erfuhr, dass auch er auf der Liste stand und setzte sich in den Westen ab.
Und eigentlich ging es dann auch richtig gut. Er hatte „den Groove“, wie Wenzel ihm damals schulterklopfend attestierte, und lange Zeit hastete er von einem Auftritt zum anderen und immer wieder fragten Bands speziell nach ihm. Bis Wenzel auf einmal die Agentur dicht machte und verschwand. Niemand wusste, wo er hin war, und die Gerüchteküche brodelte. Steuerschulden wurden vermutet, ebenso wie ein Auftragsmord, weil Wenzel auch noch nebenher mit Koks gedealt hatte. Wusste jeder, war ein offenes Geheimnis. Und so wurden alle misstrauisch angeguckt, die ausländisch wirkten und in Wenzels Umfeld gewesen waren. Auch Miko. Sein Akzent und sein Aussehen verrieten ihn eindeutig: Russe.
Miko fand keine neue Agentur, die ihn aufnehmen wollte. „Warte noch, bis mehr Gras über die Sache gewachsen ist“, hörte er immer wieder. „Jetzt bist du nicht vermittelbar.“ All seine Ersparnisse musste er aufbrauchen, so wollte es das Gesetz hier. Erst dann bekam er Unterstützung. Freiberufler. Die zahlen nicht in die Arbeitslosenkasse, also bekommen sie auch nichts raus.
Doch bevor er gezwungen war tatsächlich beim Jobcenter vorzusprechen, tauchte Wenzel wieder auf. Noch dürrer, noch tiefer liegende Augen, noch ungeduldiger. Damals fing auch der Tick mit dem Kugelschreiber an. Wenzel nahm seine Schützlinge wieder auf, aber in der Zwischenzeit waren andere Agenturen an der Spitze, und Wenzel bekam kein Bein mehr an den Boden. Die meisten guten Musiker gingen zuerst, weil sie woanders einen Job fanden. Die mittelmäßigen blieben, die schlechteren auch, bis Wenzel anfing, einen nach dem anderen zu feuern.

Bis zu diesem Tag hatte Miko immer gedacht, dass er einer der wenigen sein würde, die bleiben konnten. Er war gut, verdammt gut, und Wenzel versäumte nicht einen Tag lang, ihm das auch zu sagen. Jetzt hatten sich scheinbar die Vorzeichen geändert.

„Ha!“, Wenzels Ausruf holte Miko von seinem Ausflug in die Vergangenheit zurück. „Hier ist es. Du kannst Orgel spielen, steht hier.“ Miko nickte verwirrt. Der Chef wusste doch, dass er das konnte. „Und hier steht nichts davon, was für eine Orgel das ist“, fuhr dieser fort. „Also fährst du in dieses Kaff und übernimmst die Christmesse. Drei Tage, jeweils drei Messen. Fahrtkosten übernehme ich, Kost und Logis bekommst du vor Ort. Das bringt einen Batzen Geld rein, Junge!“
Mikos entsetztes Gesicht musste Bände gesprochen haben, denn Wenzel setzte sofort nach. „Okay, du bekommst einen Feiertagszuschlag. Aber Familie hast du ja nicht hier, also ist es doch egal wo du Weihnachten verbringst.“
„Darum geht es nicht“, wandte Miko ein. „Ich kann zwar Orgel spielen, aber keine Kirchenorgel. Das ist ein himmelweiter Unterschied!“
„Ach was.“ Wenzel winkte ab. „Du schaffst das schon. Junge, das sind nur Weihnachtsmessen. Da geht sowieso keiner hin. Die drei Omis, die sich das antun, sind bestimmt schon so taub, dass sie nichts mitbekommen, und die Hauptsache ist, dass der Job verdammt viel Kohle einbringt!“
Gleich was Miko einwendete, der Chef ließ es nicht gelten. Am Ende drohte er sogar mit der gefürchteten Kündigung, und so gab Miko doch noch nach.

Und nun war er hier, in dieser kleinen Stadt, weit von Berlin entfernt. Lindal. Was für ein seltsamer Name für eine Stadt. „Und wie hässlich hier alles ist!“, hatte Miko gedacht, als er am Vortag ankam. Grau, schmutzig. Kaum Bäume, kaum Wiesen. Er musste selbst über sich lachen. Als Berliner bejammerte er den Mangel an Grünflächen? Aber wer einmal in Berlin gewesen ist, wird bestätigen können, dass es dort viele Parks und andere Flecken gibt, wo die Natur sich noch ausbreiten kann. Allein an der Spree war es doch immer wieder so schön. Es gab so viele Flussarme, und jeder hatte seine Eckchen, an denen man glauben konnte, dass man irgendwo fernab jeder Zivilisation säße. In diesem Wesel war das nicht so. Da wirkte selbst die Kirche, in der er spielen sollte, grotesk. Eingequetscht zwischen Hochhäusern, die ihm den Raum zum atmen nahmen, der Vorplatz vor dem Eingang durch Straßen abgeschnitten, ein Monument, das selten fehl am Platze wirkte.

Und doch. Heute morgen war alles ganz weiß gewesen, als er aufstand und aus dem Fenster schaute. All der Schmutz, all das Grau und diese schrecklichen Häuser und Straßen: Alles war mit einer Schneedecke überworfen worden, so wie man eilig die Tücher über die Möbel zieht, wenn man für längere Zeit verreist.
Und plötzlich war er froh, dass er das Weihnachtsfest in dieser seltsamen kleinen Stadt verbringen würde. Er genoss das Frühstück im Hotel – ein riesiger Bau, der pompöser als die Kirche wirkte und auch wesentlich mehr Platz zur Entfaltung hatte – und spazierte im Anschluss gemächlich in Richtung Innenstadt, um den Organisten vor Ort zu treffen.
Auf dem Weg dorthin beobachtete er die Menschen, wie freundlich und entspannt sie miteinander umgingen. Ein Kind rutschte aus und fiel hin, und eine Frau hob es auf, tröstete es und gab es dann der Mutter in die Arme, die sich lächelnd bedankte. Fremde Menschen nickten ihm freundlich zu, manche grüßten sogar. In allen Fenstern hing Weihnachtsschmuck, meistens sah er aus, als sei er selbst gebastelt worden, Schneemänner mit Karottennasen zierten die Vorgärten und Kinder tobten sich bei Schneeballschlachten aus.
Er genoss diesen krassen Kontrast zu der Großstadt, in der er sonst am liebsten vor diesem unseligen Fest geflüchtet war.
Bis ihm wieder einfiel, warum er hier war. Da holte ihn sein schlechtes Gewissen wieder ein, und er war sich nicht sicher, wie er diese drei Weihnachtstage überstehen sollte.

Seine Schritte verlangsamten sich und er dachte nach, was er nun tun könnte. Er wollte diese Menschen nicht enttäuschen. „Von wegen ‚Es kommen nur drei Omis in die Kirche'“, dachte Miko. Die Empfangsdame im Hotel hatte ihm berichtet, dass die Weihnachtsmessen in Lindal immer gut gefüllt seien. „Das sind neun Messen an den Feiertagen, so dass alle Familien Zeit und Platz haben, um der Messe beizuwohnen“, erklärte sie ihm. „Früher gab es nur zwei, die morgens und die am Abend. Aber das hatte nicht gereicht. Die Leute haben sich um die Sitzplätze gestritten und es war immer sehr unruhig während des Gottesdienstes. Also hat der Pfarrer kurzerhand eine weitere Messe anberaumt.“ Einzig die erste, am Nachmittag des Heiligen Abends, sei nicht so gut besucht. „Da nehmen die meisten am großen Weihnachtsspiel teil. Hinten am Drühner Wald treffen sich alle und gehen ein bis zwei Stunden wandern. Ziel sind dann die Drühner Anhöhen, denn dort gibt es einen großen Platz, auf dem ein Feuer angezündet wurde. Die Familien setzen sich dort alle zusammen, singen Weihnachtslieder und verzehren selbstgebackene Plätzchen und heiße Getränke.“
Ausführlich beschrieb die Dame das ganze Ritual, und ihre leuchtenden Augen verrieten Miko, dass sie selbst gerne an diesem Spektakel teilnahm. „Im Anschluss an das Lagerfeuer gehen alle dann mit Laternen oder Taschenlampen durch den Wald zurück zum Treffpunkt. Dort gibt es meist noch ein großes Hallo, bis sich alle voneinander verabschiedet haben.“
„Aber das kostet doch eine Menge Zeit“, wandte Miko ein. „Brauchen die Leute diese denn nicht um ihre eigene Feier vorzubereiten?“ Er nahm seine Hände zu Hilfe und zählte auf: „Das Haus muss geputzt werden, der Baum aufgestellt und geschmückt. Weihnachtsdekoration muss überall verteilt werden. Dann hat man meistens noch irgendwas oder irgendwen vergessen und muss nochmal einkaufen gehen. Das Essen, wer bereitet denn das Essen zu, wenn alle im Wald umherspazieren?“
Die Empfangsdame hatte herzlich gelacht. „Aber deswegen haben wir doch schon am Heiligabend alle Geschäfte geschlossen. Es war ein ziemlicher Kampf, weil gerade die großen Geschäfte dagegen gewehrt haben. Ein halber Tag Umsatzeinbuße, das konnten sie sich nicht vorstellen.“
Miko erfuhr, dass sich aber der Großteil der Bürger für diese Maßnahme ausgesprochen hatte und bereit gewesen waren, diese notfalls mit Streiks und Ladenboykotte durchzusetzen. Man einigte sich darauf, es einmal zu versuchen, und die Verkaufszahlen stiegen in den Tagen vor Weihnachten, so dass es sich ausglich. „Die Leute haben also am Heiligabend alle Zeit der Welt“, stellte Miko fest.
Ihr Nicken und Lächeln bestätigte seine Überlegung. „Wir leben hier die Adventszeit anders als in den großen Metropolen. Hier wird weniger gekauft und geschenkt. Dafür legen wir hier sehr viel Wert auf ein Miteinander. An jedem Adventssonntag gibt es hier die Möglichkeit, in der Gemeinschaft zu singen und zu basteln, zu backen oder aber auch einfach nur beisammen zu sitzen und zu erzählen. Viele Familien legen darauf wert und beteiligen sich. Die Adventszeit ist bei uns tatsächlich eine Zeit der Besinnung.“

Nachdenklich stapfte Miko weiter durch den Schnee. Der Schnee gab unter seinen Schritten nach; man konnte ein leises Knirschen vernehmen, wenn man genau hinhörte. Schnee dämpfte einerseits die Geräuschkulisse, er wirkte wie eine gute Schallisolierung. Andererseits verursachte er selbst wiederum neue, ganz andere Geräusche, die meist in der Hektik des Alltags untergingen. „Oder im Verkehrslärm“, dachte sich der Musiker.
„Musiker. Ha!“ Wieder einmal dachte Miko daran, dass er nun diese armen Leute alle um ein schönes Weihnachtskonzert bringen würde. Weil Wenzel ihn einfach als Virtuose auf der Kirchenorgel angepriesen hatte. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu diesem Punkt zurück. Wütend trat er gegen einen Schneehaufen und ging weiter.

Irgendetwas musste er sich einfallen lassen.

„Ich könnte es tun.“ Miko und Herr Klein, der Organist, fuhren herum. Dort stand ein Jüngelchen, ungefähr 16 Jahre alt. Schmalbrüstig, mit blassem Gesicht, die schwarzen Haare hingen ihm bis zum Kinn, schlugen gleichsam auf den hochgestellten Kragen eines langen Ledermantels auf. „Deutschlands Antwort auf Matrix“, schoss es Miko durch den Kopf, während er seinen Blick zu den – ebenfalls schwarzen – Motorradstiefeln wandern ließ. Natürlich waren Hemd und Lederhose in der gleichen Farbe, so dass man wirklich glauben konnte, dass ein pubertierender Neo reinkarniert sei. Nur die Pickel passten nicht wirklich zum restlichen, so edle Outfit.
„Wir sprachen schon darüber“, wehrte Herr Klein ab. „Das Weihnachtskonzert ist kein Übungsabend für einen Jugendlichen, dessen Eltern noch nicht einmal wissen, dass ihr Kind eine Leidenschaft für die Kirchenorgel entwickelt hat.“
„Aber es ist auch ein zu wichtiger Abend, als dass er von einem Klavierstümper kaputt gemacht werden kann“, wandte das Jüngelchen ein und warf einen abschätzigen Blick zu Miko herüber.
„Da hat er recht“, bekräftigte dieser und sah den Organisten fragend an. „Wie lange spielt der Junge schon?“
„Lange genug um zu wissen, dass eine Orgel kein Klavier ist“, fauchte der junge Kerl, und wandte seine Aufmerksamkeit dem älteren Mann an Mikos Seite zu. „Bitte, Onkel Hans. Du weißt, dass ich es kann. Meine Eltern interessiert ja eh nicht, was ich an Heiligabend mache. Die feiern doch kein Weihnachten.“
Der flehende Ton rührte Miko und er versuchte zu vermitteln. „Lassen Sie den Jungen doch spielen. Zur Probe, jetzt. Dann wissen wir doch, ob er das hinbekommt. Eine andere Lösung sehe ich nun nicht“, meinte er und wies bedeutsam auf den Gipsverband an der Hand des Organisten.

Wie Miko erfahren hatte, kam sein Engagement nur zustande, weil der Organist durch einen Bruch des Handgelenks an der Ausübung seiner „Pflicht, wie auch Freude“, so wie er sich ausgedrückt hatte, verhindert war. Die Gemeinde war gezwungen gewesen zu entscheiden: Das Konzert absagen oder aber einen Musiker von auswärts engagieren. Die Wahl fiel auf Miko, weil Wenzel behauptet hatte, er sei ein Virtuose an der Orgel. Nun, so ganz unrecht hatte sein Agent nicht – er hatte nur tunlichst das Wort Kirchenorgel vermieden.
Zögernd nickte Herr Klein, jeglicher anderer Möglichkeiten beraubt. „Also gut. Dann zeig mal, wie weit du bist.“

Der Junge eilte zur Orgel und machte sich an ihr zu schaffen. Was er dort alles anstellte, konnte Miko weder sehen noch hätte er es verstanden. So wandte er den seine Aufmerksamkeit dem Organisten zu, der dem Ganzen mit zweifelnder Miene zusah. „Ein Teenager, der freiwillig Klassik spielt, und das auch noch in der Kirche?“
Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern. „Irgendwann tauchte Michael hier auf. Jeden Sonntag schlich er sich hoch zu mir und schaute aufmerksam zu, was ich da mache. Noch bevor der Gottesdienst vorbei war, verschwand er wieder. Irgendwann erwischte ich ihn dann, als er auf dieser Bank hier saß.“ Er nickte mit dem Kinn zu der kleinen Bank, die vor der großen Orgel aufgestellt war. „Erschrocken war er, und fast hätte ich ihn nicht erwischt. Ein flinker Bursche ist er.“ Anerkennung schwang in der Stimme des älteren Mannes mit. „Als er merkte, dass er nicht auskommen konnte, verlegte er sich aufs Betteln. Orgel spielen wolle er. Ich solle ihm das beibringen.“ Klein lachte auf und schüttelte mit dem Kopf, in Gedanken in der Erinnerung an jenen lang vergangenen Tag verloren. Eine Zeit lang schwieg er, nickte nur ein wenig versonnen mit dem Kopf, bevor er schließlich auffuhr und seine Erzählung fortsetzte.
„Natürlich habe ich nein gesagt. Aber das hielt ihn nicht ab. Einmal erwischt, kam er nun häufiger. Putzte die Tastatur, legte die Noten zurecht. Und er begann auf den Pfarrer einzureden. Ich bräuchte eine Vertretung, einen Nachfolger. Bis dahin könne er doch von mir lernen.“
Er gluckste vor Vergnügen, als erzählte, dass der kleine Mann sogar Messdiener werden wollte, nur um seinem Ziel näher zu kommen. Aus irgendeinem Grund dachte er, dass dies helfen würde.
„Nur ging das leider nicht. Michaels Eltern sind überzeugte Atheisten, sie haben den Jungen nicht taufen lassen. Also konnte er auch kein Messdiener werden, und im Zweifelsfall vertreten kann er mich auch nicht.“ Klein beugte sich vor und raunte dem gespannt lauschenden Miko zu: „Der kann das Konzert, werden Sie gleich sehen. Aber er ist kein Christ. Also…“ Nun verdrehte er die Augen: „Die Regeln, sie wissen schon.“

Ja, Miko wusste schon. Er überlegte kurz, bevor er zu sprechen begann. „Vielleicht…“
Weiter kam er nicht, denn nun erschollen mächtige Klänge die Kirche, und Miko wurde in den Bann der Musik gezogen. „Wie feinsinnig und virtuos der Junge spielt“, dachte er noch, bevor er sich ganz dem Zauber der Musik ergab.

Als die letzten Töne verklungen waren, blieb es noch lange still in der Kirche. Keiner bemerkte die Blicke Michaels, der bange zu den beiden Männern sah, von einem zum anderen und wieder zurück. Schließlich hielt er es nicht mehr aus.
„Ich hab mir das genau überlegt, Herr Klein. Ich bin alt genug, ich darf doch selbst entscheiden, ob ich Christ sein will oder nicht. Ich geh nachher zum Pfarrer und dann soll der mich taufen, und schon kann ich die Orgel spielen!“, brach es aus ihm heraus. „Bitte, Herr Klein… die Weihnachtsmesse braucht eine gute Musik…“

Der Organist winkte ab. „Du glaubst doch gar nicht an Gott. Darüber haben wir oft genug schon geredet. Und dein Vater verprügelt dich, wenn er dich nur in der Nähe der Kirche findet.“
„Ja, na und?“ Der Trotz in der Stimme des Jungen war kaum zu überhören. „Es geht doch nur um die Musik! Und um die Messe, die muss doch stattfinden!“
Miko starrte Michael an. „Das würdest du tun, nur um dieses Konzert spielen zu können?“, fragte er erstaunt, und der Junge sah ihn ruhig und bestimmt an.
„Ja.“
Mehr sagte er nicht, und mehr bedurfte es auch nicht. Und in Mikos Kopf begann ein Plan zu reifen. Er zog den älteren Mann zur Seite und sprach leise zu ihm, erläuterte ihm das, was ihm durch den Kopf ging. Herr Klein nickte bedächtig, stellte ein paar Fragen, nickte wieder. Schließlich waren sie sich einig.

An allen drei Weihnachtstagen saß Miko in der Kirche, oben auf der Chorempore, auf der Bank ganz an der Wand. Und an allen drei Tagen lauschte er dem Spiel Michaels, von dem jeder glaubte, dass dies sein Spiel war.

An einem dieser Tage würde ganz sicher sein alter Freund Cosmin hier auftauchen und dem Konzert lauschen. „Junge,“ hatte er zu Miko gesagt, als dieser ihn anrief und von Michael berichtete. „Wenn einer sagt, es geht nur um die Musik, dann ist er richtig beim alten Onkel Cosmin.“

Und Miko war sich sicher, dass Michael, wenn er das wollte, genau dort richtig sein würde: Im Musikkonservatorium in Prag, unter den Fittichen seines alten Freundes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.