Schöne Bescherung

„Nein! Nicht! Das ist alles ganz anders als es aussieht!“

Am ganzen Körper zitternd wachte er auf. Hatte er das alles nur geträumt, oder waren es tatsächlich Erinnerungen, die sich in seinen Traum geschlichen hatten?  Einerseits noch schlaftrunken, andererseits hellwach konnte er Traum und Wirklichkeit nicht mehr voneinander trennen. Möglicherweise war es beides, vermischt zu dem, was ihn nun hatte wach werden lassen. Zitternd, aber nicht vor Angst, nicht vor Kälte. Es war die Erinnerung an diese spezielle Nacht, die ihn vor Leidenschaft ganze Armeen von Gänsehäuten über seinen Körper marschieren ließen.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen, eher schon pragmatisch. Um einem Drama auszuweichen, das jedes Jahr so kurz vor dem Fest seine Bühne fand, stolperte er in eines, das sicherlich noch in drei Jahrzehnten seinesgleichen suchen würde.

„Ich werde nicht zusehen, wie wir auch in diesem Jahr diesen fürchterlichen Plastikbaum aufstellen, auf keinen Fall!“ Tatjanas Stimme klang schrill und drohte zu kippen. Er kannte das gut genug, schließlich war sie seine Frau. Immer dann, wenn Tatti, wie ihre Freundinnen sie liebevoll nannten, ihren Willen nicht bekam, verlief der Rest der Auseinandersetzung im gleichen Schema. Erst wurde sie kühl, distanziert. Dann stellte sich eine leichte Pikiertheit ein, die dann schnell in Ärger umschlug. Half das nicht, folgte ein Wutanfall, der dann in einem Tränenausbruch endete. Und das bedeutete, dass die nächsten Tage gelaufen waren.

Keine Unterhaltung, keine Zärtlichkeiten, kein Sex. Das war Tattis Art, ihn sich gefügig zu machen, und er hatte nie ein probates Mittel gefunden um sich zur Wehr zu setzen.

Tatti. Wie konnte man so einen albernen Spitznamen auch noch genießen. Er selbst fand ihn einer Sechzehnjährigen würdig, nicht aber einer fast vierzigjährigen Frau. Deswegen hatte er diesen Namen immer gemieden, obwohl er wusste, dass sie es gerne von ihm gehört hätte. „Das klingt so jung“, sagte sie stets und versuchte sich dann an ihrem Backfischlächeln, das allerdings durch die vielen kleinen Fältchen ad absurdum geführt wurde.

Uh. Er wusste, dass er gerade eben ziemlich gemein war. Letztendlich tat es ihm gut, und so ließ er auch weiterhin seine bösartigen Gedanken zu. ‚Wenn sie doch einmal nur den  Mund  halten würde. Wenn ich irgendwas tun könnte, damit ihr Mund offen stehen bleibt und sie nicht in der Lage ist weiter zu nörgeln‘. Doch wie immer fiel ihm nichts ein. Nur der Wunsch zu gehen tauchte immer wieder auf. Einfach so. Vielleicht sollte er das tun.

An diesem Punkt fielen ihm immer wieder die unzähligen Jahre ein, die sie gemeinsam verbracht hatten. Es war ja nicht nur schlecht mit ihr. Und sie hatte kein leichtes Leben, wahrlich nicht. Gehen wollte er dennoch, also überlegte er weiter, was er tun könnte.

Und dann hatte er diese Idee, die ihn in reinstes Chaos stürzen würde.

Robert stand auf und ging zur Tür.

Einen Moment lang war es still im Zimmer. Tatjana war aus dem Konzept geraten. ‚Ja!‘, dachte er sich und freute sich wie ein kleiner Junge, der an die Keksdose oben auf dem Schrank gelangt war. Mutig schritt er weiter, durch die Diele und setzte gerade den Fuß auf die erste Stufe der Kellertreppe, als ihre Stimme ihn einholte.

„Wo willst du hin?“ Schneidend war der Tonfall. Sie war nicht einverstanden mit dem, was er da tat. „Du kannst mich doch nicht einfach so im Gespräch sitzen lassen!“
Ohne anzuhalten rief er ihr über die Schulter gewandt zu: „In den Keller, eine Axt holen.“
„Eine Axt? Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?“ Er konnte an ihrem Tonfall hören, dass die Krise noch nicht überstanden war.
„Nein, Liebes.“ Liebes fand er definitiv schöner als Kosename als Tatti. Auch wenn er sich gerade so verhielt, dass er vermutlich den Rest des Jahres an eben jenem Ort verbringen konnte, zu dem er gerade auf dem Weg war: Sie Tatti zu nennen würde er nicht über die Lippen bringen, auch nicht um sie zu beruhigen.
„Ich werde Dir jetzt einen Baum holen. Aus dem Wald. Damit es in diesem Jahr ein echter Baum wird.“ Noch während er sprach, ging er weiter herunter, hin zum Werkzeugkeller. Er würde den Kellerausgang nehmen, um allen weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen.

Natürlich würde sie einwenden, dass er den Baum beim Händler kaufen könnte. Und er würde erwidern, dass es am 23. Dezember keine vernünftigen Bäume mehr zu kaufen gab, woraufhin sie mit spitzer Zunge darauf hinweisen würde, dass er den Baum ja schon eher hätte kaufen können. Entweder sparte er sich dann die Andeutung, dass sie bis gestern Abend noch den Standpunkt vertreten hatte, dass sie der Umwelt zuliebe auch in diesem Jahr auf einen echten Weihnachtsbaum verzichten würden, oder er provozierte Streit über die Feiertage. Und zwar einen der Art, die nur noch verbrannte Erde hinterlassen würde.

Robert schnappte sich die Axt, ein paar Stricke, mit denen er den Baum vertäuen wollte, nahm seine Gartenjoppe und die Schneestiefel mit der anderen Hand und eilte aus dem Haus. Als er endlich das Auto aus der Ausfahrt steuerte, fing er vor Erleichterung an zu summen. Diesmal war es ihm geglückt, der Katastrophe zu entkommen. Wenigstens dieses eine Mal.

Die Nachtluft machte deutlich, dass er geschwitzt hatte. In der Tat klebte der Schlafanzug an seinem Rücken. Die Feuchtigkeit in der Lendengegend war allerdings kein Schweiß. Es war wirklich ein aufregender Traum gewesen. Nur ein Traum?  Richtig war, dass er diesen Streit mit Tatjana hatte. Richtig war auch, dass er das Haus verlassen hatte, mit einer Axt in der Hand, um einen echten Tannenbaum zu fällen. Er wusste auch noch, dass er auf der Fahrt überlegt hatte, welcher Wald geeignet für sein Vorhaben war. Schließlich musste er fernab der Zivilisation und von allen Forsthäusern sein. Er musste seinen Wagen tarnen können, damit niemand auf ihn aufmerksam wurde. Und er durfte sich nicht allzu weit von seinem Parkplatz entfernen, denn sonst würde er den Baum schwerlich bis zum Auto transportieren können.

‚Hinten, am Übungsgelände der Bundeswehr, das dürfte ganz gut sein.‘, dachte er. ‚Da ist im Dezember keiner, höchstens mal eine Wache von den Soldaten, und die wollen lieber ihre Ruhe haben und werden sich nicht über einen Baumräuber aufregen‘. Während er in Richtung des Truppenübungsgeländes fuhr, kam ihm ein anderer Gedanke, der weitaus naheliegender war. Dieser Wald wäre auch sicherer, denn um diese Zeit würde dort niemand sein. Also änderte er noch einmal seine Richtung und fuhr weiter hinaus, zum Rotfelssee. Der See war ein beliebtes Bade- und Ferienparadies. Unzählige Blockhütten standen dort und luden zu Wochenend- und Ferienaufenthalten ein. Jetzt aber, im Winter, war es viel zu kalt in den Häuschen, und da der See aus irgendeinem Grund nie zufror, gab es auch keine Schlittschuhläufer oder andere Wintersportler, die die Gegend unsicher machen würden. Er wäre ganz allein dort.

Der See lag inmitten eines Waldgebietes, das nur zu Fuß durchquerbar war. Aber Robert kannte einen kleinen Pfad, abseits der üblichen Wege, an dessen Ausgang auch sein Wagen genug Platz zum Parken hatte. Hier würde niemand ein Auto vermuten. Hier würde auch niemand zufällig vorbeischauen.

Während der Fahrt zu diesem Waldstück überkamen ihn unzählige Erinnerungen, die er mit dem Badesee, mit dem Wald und auch mit diesem Pfand in Verbindung brachte. An diesem See hatte er Lisa kennengelernt. Seine erste große Liebe. Oft hatten sie sich von den Eltern davongeschlichen und waren durch den Wald gestreift. Auf einer dieser Entdeckungstouren waren sie auf den Pfad gestoßen, den Robert  nun suchte. Mehr ein Wildwechsel als ein Pfad, abgeschirmt durch Bäume und Sträucher. Oh, diese Sträucher hatten heiße Küsse gesehen, und gegen den einen oder anderen Stamm hatte er Lisa gedrückt und sie im Stehen genommen. Nicht nur Lisa, später auch andere Mädchen. Manchmal gab es auch heißere Spielchen, und Robert  spürte, wie die seine Hose im Schritt eine Beule beachtlichen Ausmaßes bekam. Ja, das waren gute Zeiten gewesen. Er lächelte still vor sich hin und bog auf den kleinen Feldweg ab, der ihn zu dem Trampelpfad bringen würde.

Das Klappen der Autotür klang in der Stille wie ein Pistolenschuss, und er zuckte zusammen. Dann entspannte er sich wieder. Er musste sich keine Sorgen machen, niemand würde ihn hören. Also zog er die Schneestiefel an, zog den Reißverschluss der Jacke hoch, nahm die Axt in die Hand und machte sich auf den Weg. Direkt unten am See standen ein paar richtig gut gewachsene Tannen, daran erinnerte er sich noch gut. Er hatte sie in diesem Sommer angesehen und darüber nachgesonnen, ob sie deswegen so gut aussahen, weil sie nicht so nah beieinander standen, also genug Licht und auch genug Platz hatten, um frei zu wachsen.

Während er durch den Schnee stapfte, die Axt über die Schulter, grinste er vor sich hin, weil er sich wie Freddy Kruger in Weihnachtsstimmung vorkam. Aber er fing tatsächlich nach kurzer Zeit an, ein Lied zu summen. „Little Drummer Boy“. Er mochte es sehr, eines seiner Lieblingslieder im Advent. Leider wusste Tatjana das auch und spielte es so oft, dass es ihm dann zu Weihnachten zum Hals raushing. ‚Und wieder nichts gesagt‘, brummte er vor sich hin, unzufrieden mit sich selbst. Warum nur konnte er ihr nicht einfach sagen, dass er das Lied zwar gerne hörte, aber vier Wochen lang jeden Tag, und dann noch mehrfach! Aber nein, die Furcht vor der Auseinandersetzung hielt ihn zurück. „Wie immer“, stieß er hervor, und er spürte, wie eine leise Wut ihn packte. Wut auf sich selbst, weil er so feige war. Ärgerlich stieb er mit dem Fuß in eine Schneewehe – und schrie auf.

Noch bevor er richtig realisiert hatte, was passiert war, lag er schon der Länge nach im Schnee. Den Kopf hatte er sich angeschlagen, das verriet ihm der stechende Schmerz am Hinterkopf. Irgendetwas hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, dachte er noch, bevor er das Bewusstsein verlor.

Bis dahin konnte Robert sich mit Sicherheit erinnern, bis dahin war alles genauso passiert. Müde schlurfte er zur Küche. Er hatte Durst. Und ein bisschen Hunger. Bei einem Orgasmus verliert der Mann 1.000 Kalorien, erzählte Tatjana immer. Sie regte sich dann darüber auf, dass die Herren der Schöpfung, die ja auch noch dick und fett eine Frau abbekämen, so leicht abnehmen könnten, während Frauen, die ja bereits bei ein paar Pfund Übergewicht so attraktiv wie eine Schnecke im Blattsalat wirkten, dabei nur 300 Kalorien verlieren würden. Wie oft schon hatte er insgeheim gedacht, dass er ihr mal eine Herrenüberschussparty empfehlen würde. Da bekäme sie nur Eiweiß zum Abendbrot und hätte sicherlich mindestens genauso einen Kalorienverlust wie jeder einzelne Mann dort. ‚Und sie hätte das Maul gestopft. Was für ein herrlicher Gedanke.‘, schoss ihm durch den Kopf, und er grinste breit.

Nun, er würde Milch trinken. Das sättigt und stillt den Durst in einem und er müsste die Küche nicht auf den Kopf stellen. Vermeidbare Arbeit, das hatte er im letzten Jahr gelernt. ‚Am besten warm, das macht müde‘, dachte er und zog einen Topf aus dem Schrank.

Als er wach wurde, fühlte er sich benommen. Er fror erbärmlich und hatte das Gefühl, auf Brettern statt auf Schnee zu liegen. Aber das konnte ja nicht sein. Wo aber war seine Jacke? Er blinzelte mehrmals, um klare Sicht zu bekommen. Tatsächlich. Er lag nicht mehr im Schnee, sondern auf einem harten Brett! Wie war er nur hierhin gekommen? Ruckartig setzte er sich auf, legte sich dann aber ganz schnell wieder hin. Schwindelig war ihm. Und der Schmerz am Hinterkopf war wieder präsent.

„So, Du bist also endlich wach“, ertönte eine Stimme hinter ihm. „Ich dachte schon, Du willst hier einen Winterschlaf halten.“

Vorsichtiger als zuvor versuchte er ein weiteres Mal sich aufzusetzen, und diesmal gelang es ihm, wenngleich er noch völlig benommen war. Ein Schatten fiel auf seine Beine, wurde größer und verschwand. Dafür trat die Inhaberin der Stimme in seinen Blickwinkel. Kleiner als erwartet, besonders bei dieser vollen, warmen Stimme, in einen langen Parka gehüllt, der ihre Konturen verdeckte, war ihre Erscheinung für ihn eher ein surreales Bild. Ein paar widerspenstige Locken lugten unter der Kapuze hervor. Dunkel waren sie, aber die Farbe konnte er im Dämmerlicht nicht wirklich bestimmen. Dämmerlicht. Hieß das, dass er…

„Wie… wie spät ist es?“ Seine Stimme klang rau und er musste sich räuspern, bevor er halb verständlich klang. Sie hockte sich zu ihm und antwortete gelassen: „Ich denke, es wird so ungefähr halb acht sein. Du hast dich nicht wecken lassen, nicht einmal, als ich dich hierher transportierte.“

„Aber wie…“ Irgendwie war er immer noch benommen, konnte keine klaren Gedanken fassen. Seltsamerweise verstand sie ihn trotzdem. „Schlitten. Du liegst noch drauf.“ Dann grinste sie ihn an, und ihr Gesicht glich dem eines Kobolds, der am Küchenfenster einen Kuchen entdeckt hatte. „Oder besser gesagt sitzt du ja nun.“ Dann aber wurde sie sachlich und schaute ihn prüfend an. „Wie geht es dir? Ich hab einen ganz schönen Schrecken bekommen, als ich dich da im Schnee liegen sah, bewusstlos und völlig durchnässt.“ Sie wies mit dem Kopf in eine unbestimmte Richtung. Die Jacke habe ich dort drüben in der Hütte zum Trocknen aufgehängt. Den Rest solltest du auch unbedingt ausziehen, sonst wirst du ernsthaft krank. Sollen wir hineingehen? Komm, ich helfe Dir beim Aufstehen.“

Fürsorglich legte sie ihm den Arm um die Schultern und stützte Robert, während er sich langsam aufrichtete. Ihre Umarmung war fest und ein bisschen tröstlich, gerade in diesem Moment, in dem er noch nicht ganz verstand, was eigentlich passiert war. Die Wärme, die sie ausstrahlte, ging weniger von ihrem Körper aus, denn ihr Parka war von der Winterluft mit Kälte durchtränkt. Es war mehr die Art, wie sie mit ihm umging, und er genoss es ein bisschen.

Ein bisschen zu sehr, wie ihm auffiel. Schon hatte er fast vergessen, warum er überhaupt hier gelandet war, dass er verheiratet war und dass er schon seit Stunden unterwegs war, was sicherlich noch weiteres Öl in das Feuer von Tatjanas Wut gießen würde. „Ich muss dringend anrufen“, hörte er sich sagen, aber ein kurzes Auflachen von ihrer Seite machte ihm klar, dass dies ein dämlicher Gedanke war. „Funkloch“, sagte sie lakonisch, und richtig: In dem Moment, als sie es aussprach, dämmerte es ihm selbst. Auch im Sommer hatte es hier keinen Empfang, weswegen gerade die jüngeren Leute lieber in die Freibäder fuhren. Ein paar Stunden ohne Internet, ohne WhatsApp? „Möglich, aber völlig daneben“, hatte ihm seine Nichte einmal lachend erklärt. „Da bist Du schneller im gesellschaftlichen Aus gelandet als wenn Du nur in Unterhosen über den Marktplatz läufst und schmutzige Lieder singst.“

„Verdammt. Dann muss ich sofort nach Hause. Tatti… sie wird sich Sorgen machen.“ Hatte er seine Frau tatsächlich gerade Tatti genannt? Er musste wirklich verwirrt sein. Noch während er darüber nachdachte, hörte er sie amüsiert lachen.
„Wie willst du nach Hause kommen? Laufen? Du schaffst es ja kaum bis in die Hütte, und das mit meiner Hilfe.“ Er sparte sich eine Erwiderung. Wie recht sie doch hatte. Diese Frau hatte ein enormes Standvermögen, denn er stützte sich schwer auf sie, während sie gemeinsam, Schritt für Schritt, im Schneckentempo die Tür des Blockhauses erreichten.

Während sie die Türe aufschloss, lehnte er sich gegen die Wand und wartete mit wackeligen Beinen darauf, dass sie endlich ins Warme kamen. Wenngleich warm erheblich übertrieben war. Gut, Wind und Niederschlag hielt die Hütte fern, allerdings brannte kein Feuer im Kamin und auch sonst gab es keine Wärmequelle, die für eine erträgliche Temperatur sorgte. Es war kalt, zu kalt um sich hier ohne Jacke aufzuhalten, geschweige denn mit nassen Hosen. Ohne Hosen wäre es allerdings auch nicht besser, ganz davon abgesehen, dass er sich im unbekleideten Zustand garantiert nicht mit einer ihm Fremden in einer einsamen Blockhütte aufhalten würde. Und genau das teilte er ihr nun mit.

Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn durchdringend an. „So. Du willst also lieber das nasse Zeug am Körper lassen und dir eine Lungenentzündung holen. Und warum? Weil du dich genierst? Das ist bemerkenswert unvernünftig.“
Und wieder hatte sie Recht, und er verhielt sich zum wiederholten Male an diesem Tag unsinnig.  Dennoch hielt er ihr fast trotzig entgegen, dass die Kälte in diesem Raum auch im extremen Maße gesundheitsschädigend sein würde, so dass es keinen Unterschied machte, ob er seine Beinkleider nun anließ oder nicht.

Ihr Gesicht nahm einen leicht irritierten Gesichtsausdruck an. „Naja“, meinte sie schließlich. „Eigentlich dachte ich, dass du sie ja eh gleich loswerden wolltest. Schließlich war das Treffen hier mit dir ja deine Idee, und nach all den Mühen und Vorbereitungen, die du dafür auf dich genommen hast, ging ich nicht davon aus, dass du noch einen Rückzieher machen würdest.“ Suchend sah sie sich um. „Als ich dich fand, habe ich übrigens nach dem Holz gesucht, das Du angekündigt hattest. Deswegen ist es hier noch so kalt. Wo hast Du es eigentlich abgeladen? Ich hab schon die…“

Ihre Worte verloren sich, als er verzweifelt versuchte zu begreifen, was hier eigentlich los war. Ein Treffen, mit dieser Frau, einen Tag vor Weihnachten. In einem Sommerhaus, das sich gerade mal als Windschutz eignete. Wovon zum Teufel redete sie da? Warum sollte er sich mit dieser Frau überhaupt treffen sollen?

Ein energisches Rütteln an der Schulter riss ihn aus seinen Gedanken, und völlig überfragt blickte er sie an. „Es tut mir wirklich leid, aber ich habe keine Ahnung, wovon Sie da reden. Ich habe mich mit niemandem verabredet.“

Das erste Mal, seit er sie sah, war sie sprachlos. Nun, er kannte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr lange, aber irgendwie schien das bezeichnend zu sein. Die ganze Zeit über war sie die Souveränität in Person gewesen, und nun entgleisten ihre Gesichtszüge, brach die ganze Selbstsicherheit in sich zusammen und ließ eine verwirrte, an ihrer Unterlippe kauende Frau zurück, die mit einer Situation konfrontiert war, die sie offensichtlich überforderte.

Er räusperte sich. „Nun, wen haben Sie denn überhaupt erwartet?“ Dankbar ließ er sich auf den Stuhl sinken, der vor dem kalten Kamin stand. Der Widerstreit in ihr war ganz offen zu erkennen: Sollte sie diesem fremden Mann anvertrauen, was sie hier, in dieser Einöde, vorgehabt hatte? Der Impuls, ihn pampig mit einem „Das geht Sie gar nichts an“ abzufertigen, war auf jeden Fall deutlich erkennbar durch ihre Gedanken gehuscht. Dann aber seufzte sie ergeben und erklärte ihm mit gesenktem Blick ihre Situation.

„Kennen Sie blind-date, dieses Internetportal? Dort kann man Menschen kennenlernen, aber ohne sie zu sehen. Man tauscht sich aus, die Angaben über die Grunddaten werden von der Seite geprüft, so dass nicht statt eines Zweimetermannes ein kleiner dicker Zwerg auftaucht, wenn man sich dann treffen will. Die Treffen kann man dort auch anmelden, so dass eine Art Schutz besteht. Professionelles Covering nennen sie das da. Man gibt an, mit wem man sich wann und wo trifft, der bestätigt das, und dann ist man auf der sicheren Seite. Denn wenn man sich nicht am Tag darauf meldet und bestätigt, dass alles in Ordnung war, geht sofort eine Meldung an die Polizei heraus.“ Aus den Augenwinkeln heraus sah sie zu ihm herüber und versuchte abzuschätzen, wie er auf diese Informationen reagierte. Da er aber völlig neutral blieb, erzählte sie dann weiter.
„Klar, wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt schlechte Bewertungen und dann will keiner mehr mit dem User daten. Und wer sich nicht am nächsten Tag zurückmeldet, der kann mit saftigen Kosten rechnen, denn all die Kosten, die der Plattform und auch der Polizei dadurch entstehen, muss dann der User übernehmen, der sich nicht gemeldet hat.“ Unsicher zuckte sie mit den Schultern. „Das ganze hat was von Abenteuer ohne allzu großes Risiko. Und…“ hier stockte sie kurz, fuhr dann aber stoisch ergeben fort. „Naja. Ich habe mich eben mit einem Mann verabredet. Wir wollten hier das Weihnachtsfest zusammen verbringen, und, wenn die Chemie passt, auch durchaus ein Schlafzimmer teilen.“
Sie ließ ihm Zeit, das alles erst einmal zu verarbeiten. Dann sagte sie, schon wieder etwas energischer: „Der Beschreibung nach hätten Sie das sein können.“

„Bin ich aber nicht.“, wandte er ein. „Das weiß ich jetzt auch!“, fuhr sie ihn an und setzte fast trotzig hinterher: „Und er schrieb, dass hier um diese Zeit niemand sei.“
Er hob die Augenbrauen.
„Niemand!“ schob sie noch einmal bekräftigend nach.
Er grinste. „Okay, meine Frau denkt von mir, dass ich ein Niemand bin. Aber dass ich hier bin, ist eher ein Zufall.“
Sie schnaubte, stand auf und ging in den Nebenraum, der vermutlich das Schlafzimmer war. Und richtig: Kurze Zeit später kehrte sie wieder und reichte ihm eine Decke. „Hier. Das wird möglicherweise Ihre Schamhaftigkeit zufriedenstellen.“

Robert dankte ihr mit einem knappen Nicken und wickelte die Decke um sich, bevor er versuchte, sich aus der klammen Jeans zu schälen. Sie seufzte theatralisch und kehrte ihm demonstrativ den Rücken zu. Okay, so würde er die Decke beiseitelegen können, was ihm das Ausziehen definitiv erleichterte.
„Wenn ich mich recht entsinne, müsste hinter der Blockhütte mit den roten Türen und Fenstern ein kleiner Unterstand sein, der noch gut mit Holz gefüllt ist“, sagte er leichthin. „Ich habe es im Herbst noch selbst dort aufgestapelt.“
„Oh, fein“, sie freute sich tatsächlich und lief zur Tür. „Dann haben wir es ja gleich wenigstens warm.“ Dann verschwand sie, und mit einem leisen Klappen fiel die Tür ins Schloss. Dann öffnete sie sich noch einmal einen Spalt, und der Kopf der Unbekannten linste noch einmal durch die Tür. „Ich  bin übrigens Carina. Nur für den Fall, dass Sie das interessiert.“
„Robert“. Er nickte ihr zu, und nun schloss sie endgültig die Tür. Für einen Moment lang war er allein.
Mühsam versuchte er sich aus den feuchten Kleidern zu schälen. Seine Finger fühlten sich taub an, was dieses Unterfangen noch zusätzlich erschwerte. Fluchend nestelte er an dem Hosenknopf. War das Knopfloch durch die Nässe eingelaufen oder warum bekam er den Knopf nicht durch das Loch gedrückt? Er zerrte am Reißverschluss. Vielleicht ließ sich der Knopf leichter öffnen, wenn er von oben und unten Zugang hatte. Doch kaum hatte er den Reißverschluss offen, merkte er, dass dies keine so gute Idee gewesen war. Das, was die Hose wesentlich enger gemacht und somit das Ausziehen wesentlich erschwert hatte, drückte sich nun durch den Hosenschlitz. „Wenn sie nun reinkommt, sieht sie sofort, dass ich einen Steifen habe“, schoss ihm durch den Kopf. So schnell es ging, drehte er sich mit dem Rücken zur Tür. Die Vorstellung, nur mit Decken bekleidet in der Nähe dieser Frau zu sein, hatte ihm mehr zugesetzt als er gedacht hatte. Er rieb über den Hosenstoff und stöhnte leise, als sein Körper reagierte. Dann riss er sich zusammen. Wenn sie seine Erektion sehen würde, wäre das schon peinlich genug. Würde sie ihn beim Onanieren erwischen, wer weiß, was dann passierte. Schlimmstenfalls schmiss sie ihn raus. Und bestenfalls…
„Grüne Wiese, weißes Pferd. Grüne Wiese, weißes Pferd. Grüne Wiese, weißes Pferd. Grüne“

„Was für undenkbare Horrorgeschichten haben Sie sich denn ausgedacht, wenn Sie schon zu solchen Mitteln greifen müssen um sie zu vertreiben?“ Die Stimme an der Tür klang deutlich amüsiert, wechselte dann aber in einen leicht angestrengten Ton, „Wenn Sie allerdings noch länger brauchen um sich Ihrer Kleidung zu entledigen, erfriere ich mit dem Holz draußen vor der Tür.“, und dann eindeutig spöttisch zu werden: „Wie überaus schade. Dem rettenden Kamin so nahe, starb sie an der Schamhaftigkeit eines erwachsenen Mannes.“

Er holte tief Luft und atmete langsam wieder aus, bevor er ihr antwortete. „Einen Moment noch. Das ist gar nicht so leicht, eine nasse Hose auszuziehen. Der Knopf will nicht aufgehen.“
Mit wenigen Schritten war sie bei ihm und drehte ihn zu sich. „Moment mal, das haben wir – Oh.“  Offenbar war sein erregter Zustand nicht zu übersehen, und sie brauchte einen Moment, bis sie ihre Fassung wieder erlangte.
„Wenn ich…“ Sie brach ab, schluckte, versuchte es noch einmal. „Ich würde ja nun…“ Wieder kam kein sinnvoller Satz zustande.
Zustande. „Wie sensibel doch der Verstand in solchen Situationen auf Wortspiele reagiert.“, dachte Robert und versuchte ein Lachen zu unterdrücken. Sie hätte sicherlich nicht verstanden, warum er lachte. Für irre würde sie ihn halten und vor die Tür jagen, bevor er auch nur zur Erklärung hätte ansetzen können.
Abrupt drehte er sich weg. „Ich mach das schon“, brummte er unwirsch und versuchte gleichzeitig seine Contenance zu wahren. Der Kampf mit dem Knopf half ihm dabei, denn die Konzentration auf diesen Kleinkrieg ließ jeden erotischen Gedanken in den Hintergrund treten. Krieg… Knöpfe… Endlich ist die Hose auf, und gleichzeitig bricht er in schallendes Gelächter aus.

„Krieg… der… Knöpfe…“, schnaufte er, als er endlich wieder zu Atem gekommen war. „Der Kampf mit dem Hosenknopf. Und Pergauds ‚Krieg der Knöpfe‘. Ein Wortspiel…“ Wenn man einen Witz erklären will, kommt er einem am Ende doch ziemlich lahm vor, und Robert verstummte mitten im Satz.

Sie hatte ihn damals nicht verstanden, aber letztendlich war es gleich gewesen. Seine Nestelei an der Hose als Krieg der Knöpfe zu bezeichnen fand sie charmant, aber abwegig, hatte sie gesagt. Er schob den Milchtopf von der heißen Platte und hinderte die Milch damit am Überkochen. Vieles war damals übergekocht, und eine ganze Menge davon war am Ende nicht mehr zu retten gewesen. Gedankenverloren suchte er nach dem Honig, entschied sich dann aber doch für den Kakao. Während er ihn in die Milch rührte, überkam ihn ein unglaublich starker Wunsch nach einem guten Glas Whisky. Spontan goss er den Kakao in den Ausguss und lief in sein Wohnzimmer hinüber. Dort, in dem kleinen Schrank neben der Couch, stand eine Flasche Laophraigh, den er sich zu besonderen Momenten gönnte. Dies war ein solcher, fand er. Eine Erinnerung an den Tag, an dem der Zufall ihm ein besonderes Weihnachtsgeschenk machte.
Einen Moment lang hielt er inne. „Tatjana hätte das Wortspiel verstanden“. Woher dieser Gedanke auf einmal kam, war ihm unklar, und er wusste genauso gut, dass dies völlig irrelevant war, denn es hob nichts auf, nichts von all dem, was geschehen war, vor und nach dieser Nacht. Es war nur eine Art Nachruf, auf etwas, was hätte sein können und nie geschehen war.  Der Abgesang eines traurigen Kapitels, das eigentlich so glorreich hätte sein sollen.
Robert zuckte die Schultern und goss sich endlich seinen Single Malt ein.  „Besser ein Ende mit Schrecken…“. Er führte den Gedanken nicht weiter aus und ging lieber wieder zurück zu dem, was ihn geweckt hatte: Die Erinnerung an das Weihnachtsfest des vergangenen Jahres.

Sie hatten lange überlegt, wie sie am Besten durch die Nacht kämen. „Das Holz reicht nur für einen Kamin“, stellte er mit Bedauern fest. „Wenn wir zwei anmachen, fangen wir in der Nacht an zu frieren.“
„Was ist, wenn wir warten?“, überlegte Karina.“Solange wir wach sind, können wir uns Bewegung verschaffen und so warm bleiben.“
„An was für Bewegung hatten Sie da so gedacht?“ Der Unterton in seiner Stimme ließ sie zu ihm herüberschauen. Sogleich erkannte sie, was er meinte und sprang entrüstet auf.
„Oh nein, so haben wir nicht gewettet! Nur weil ich ein Blind Date hier haben sollte, gehe ich doch nicht mit jedem in die Kiste, der grad verfügbar ist!“
„Beruhigen Sie sich, Lady.“, erwiderte er trocken. „Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass ich persönlich nicht viel Bewegungsfreiheit habe. Auch wenn ich gerade einen anderen Eindruck auf Sie gemacht haben muss, bin ich durchaus wählerischer als Sie annehmen.“
„Autsch“. Seine Antwort hatte gesessen, und das wusste er.
„Nehmen Sie es nicht persönlich“, grinste er sie an. „Ich bin verheiratet.“
„Was macht ein verheirateter Mann an einem solchen Abend im Wald? Sollten Sie nicht daheim sein und den Weihnachtsmann spielen?“
Robert zog eine Grimasse. Eigentlich wollte er jetzt gar nicht an daheim denken. Daheim… War es denn überhaupt noch ein Heim? Ständig gegängelt, kontrolliert, kritisiert, und nur, wenn er dann mit der Faust auf den Tisch haute, das stammelnde, schluchzende Eingeständnis: „Aber… Aber… ich liebe dich doch…“ Seine Grimasse verflog, ebenso seine Heiterkeit.
„Ja, das sollte er wohl.“  Ruckartig wechselte er das Thema. „Was machen wir nun? Es ist noch nicht spät, und die Nacht wird lange andauern. Frieren? Oder…“
Vorsichtig sah er sie an, ließ die Möglichkeiten im Raum schweben. Warum auch immer, war sie es nun, die schamhaft wirkte.
Sie wirkte so verletzlich, als sie da saß, die Lippen schürzte und dabei an der Unterlippe kaute. Die Stirn in Falten gelegt blickte sie ihn nicht an, als sie leise mit einem weiteren Problem herausrückte. „Das ist eh die einzige Decke hier. Wir wollten ja… ich hab nur…“ Wieder brach sie ab, und ihnen beiden war klar, was sie in dieser Nacht vorgehabt hatte. Nur eben nicht mit ihm.
„Wenn das die einzige Decke ist, sollten wir auf jeden Fall in einem Raum bleiben. Mit ein bisschen Glück ist meine Jeans schneller wieder trocken als zu erwarten ist, und dann können Sie Ihre Decke zurückbekommen.“ Er bemühte sich um Sachlichkeit, als er weitersprach. „Wenn Sie in Ihren Mantel gewickelt sind und ich in diese Decke, müsste es möglich sein, dass wir die Wärme ausnutzen. Ich schlafe natürlich auf dem Boden“, setzte er schnell nach, als er ihren zweifelnden Blick sah.
„Nein, das geht auf keinen Fall.“ Entschieden schüttelte sie mit dem Kopf. „Wir sind erwachsen. Es sollte uns möglich sein, uns so weit zu beherrschen, dass weder ich über Sie noch Sie über mich herfallen. Wir schlafen auf dem Bett und…“ Weiter hörte er nicht mehr, denn wieder schaltete sich sein Kopfkino ungebeten ein. Wenn sie über ihn herfallen würde… Er roch schon fast die Leidenschaft, die seinen Vorstellungen entsprang, und erschrocken überlegte er, ob der Geruch tatsächlich nur seiner Einbildung entsprang. Der Gedanke ernüchterte ihn schlagartig, und so bekam er noch mit, wie sie weiter Pläne schmiedete.
„… und dann verlustieren wir uns an dem Abendessen, das ich mitgebracht habe.“ Sie schnaubte kurz und blickte zur Tür. “ Ich hatte an fast alles gedacht. Nur nicht daran, dass mein Blind Date noch blinder sein würde als erwartet.“

Lange hielt es Robert nicht auf seiner Couch, und er ging auf die Dachterrasse. Von hier bot sich ein fantastischer Blick über die Stadt, und er genoss diesen Anblick so oft es ging. Heiß genug war es, so dass er auch genauso gut hier seinen Erinnerungen nachhängen konnte. Er setzte sich auf den Liegestuhl, froh über das bisschen Wind, das der Abendhimmel zu ihm her sandte. Ein leichter Schauer huschte über seine Haut, an den Stellen, an denen der Schweiß noch nicht ganz getrocknet war. Kühl. Wunderbar. Damals hatte er die Kühle nicht so toll gefunden.
Sie musste den Hauptanteil des Umzugs erledigen, da es seinem Kopf immer noch nicht wirklich gut ging. Der Schwindel war zwar weg, aber jedwede Anstrengung ließ den Schmerz mit Stahlhämmern in seinem Kopf wüten, und so war er das erste Mal in seinem ganzen Erwachsenenleben zu nichts nutze. Wenigstens das Feuer im Kamin konnte er anzünden, darin war er Experte.

Dichte Rauchschwaden zogen durch das Zimmer, und Carina stolperte hustend zum Fenster. Der Schornstein war scheinbar verstopft. Robert fluchte. „Mit ein bisschen Glück ist es nur Schnee“, meinte Carina, und er hoffte inständig, dass sie Recht hatte, denn sonst würden sie ernsthafte Probleme bekommen. Ersticken oder erfrieren? Die Auswahl war nicht besonders zufriedenstellend.   Besorgt starrten sie beide zum Kamin, sie am Fenster stehend, er erschöpft, verrußt, kniete derweil am Kamin auf dem Boden. Tropfen fielen herab, das Feuer gab fauchende Zischlaute von sich, und Robert warf schnell noch eine Ladung Grillanzünder dazu, die er neben dem Kamin gefunden hatte. Schließlich aber war der Schnee im Rauchabzug geschmolzen und gab so den Weg frei für den Qualm. Erleichtert lächelten sie sich an, und Robert kam mühsam wieder auf die Beine.

Auch jetzt stand Robert auf, denn er wusste, was nun folgte: Sie veranstalteten eine Art Festschmaus, bei dem sie all das, was Carina für ihren tollen Abend mitgebracht hatte, verspeisten und austranken. Viel war es nicht, denn ihr Date hatte den Hauptgang mitbringen sollen. So blieben gerade mal Käse und Obst, und zwei Flaschen Wein. Wein wollte er nun nicht gerade, nicht nach dem Whisky, aber ein paar Weintrauben und ein bisschen Käse wären vermutlich noch vertretbar. Es intensivierte seine Erinnerungen, obgleich er den Eindruck hatte, dass da nichts intensiver sein konnte, hatte er doch wirklich noch jeden kleinen Moment vor Augen.

Er erzählte ihr dann doch den Grund dafür, warum er am Heiligabend durch den Wald gegeistert war. „Die Axt ist fort“, endete er, „aber dafür habe ich nun die Bekanntschaft einer attraktiven Frau gemacht. Ein fairer Tausch, wie ich finde.“ Oha. Offensichtlich hatte der Wein seine Zunge gelockert, denn das wollte er eigentlich nur denken, nicht aussprechen. Aber nun war es gesagt, und zurückholen konnte er seine Worte nicht.
Carina lachte leichthin und überspielte ihre Verlegenheit. „Na, danke für das Kompliment. Kann ich nur zurückgeben.“ Dann stand sie abrupt auf und begann das Bett zu machen. „Wir können natürlich gemeinsam vor dem Kamin schlafen, jeder in seiner Ecke“, grinste sie ihn an. „Oder aber wir machen es uns beide bequem auf dem Bett. Etwas anderes lasse ich nicht zu.“

Er gab sich geschlagen und legte sich auf das Bett. Den ganzen Abend über war dies Thema gewesen. Er wollte auf dem Boden schlafen, sie bestand darauf, dass sie beide im Bett nächtigten. „Ein ganz pragmatischer Grund spricht dafür“, hatte sie ihm erklärt. „Was, wenn das Feuer ausgeht? Bevor wir das merken, sind wir beide schon erfroren.“

Ein letzter Versuch seinerseits brachte allerdings ein ganz anderes Ergebnis als erhofft. „Wenn wir auf dem Bett liegen, wärmen wir uns nicht automatisch. So viel Hitze strahlen weder Du noch ich aus.“

„Okay. Gut. Also werden wir uns die Bettdecke teilen.“ Völlig ungezwungen legte sie ihre Kleidung ab und kroch zu ihm unter die Decke. Das Ganze ging so schnell, dass er sie noch immer verblüfft anstarrte, als sie sich bereits schaudernd an ihn drängte. „Es ist wirklich eiskalt. Vielleicht sollten wir doch die Matratze vor den Kamin schieben und dort schlafen.“

Wieder sprang sie auf, noch bevor er etwas einwenden konnte, zerrte die Decke mit und forderte ihn auf, ihr zu helfen. Der Schwall kalter Luft, der ihm entgegenkam, enthob ihm jedweden Gefühls der Scham. ‚Bei der Kälte ist es bestimmt minus 11 cm‘, dachte er gereizt, half ihr aber dabei, die Matratze auf den Boden zu hieven. Ächzend ließ er sich darauf fallen, während sie aus ihrem Mantel eine Art Kissen baute, auf dem sie beide ihre Köpfe legen konnten. Nun, am wärmenden Kamin, war die Decke schon fast zu viel, ihre Nähe war es auf jeden Fall.  Hatte sie dem Wein so zugesprochen, dass sie nicht merkte, was sie hier tat? Oder wollte sie ihn provozieren?

Er wusste es nicht. Was er wusste, war, dass er sich am Besten zur Seite drehen würde, denn sonst wüsste sie so oder so, dass zumindest seine Libido sich durchaus provoziert fühlte.  Steif wie ein Stock lag er da, Tatjana kam ihm in den Sinn. Er war verheiratet, und nun lag er mit dieser Frau zusammen auf einer Matratze, vor einem Kamin, der inzwischen so viel Hitze abstrahlte, dass Robert versucht war die Decke beiseite zu schieben. Carina versuchte immer noch eine gute Schlafposition zu erreichen, was nicht gerade dazu beitrug, seine Gedanken bei seiner Ehe zu halten. „So geht das nicht“, brach es schließlich aus ihm heraus, und er drehte sich zu ihr. „Gut, dass Du das einsiehst“, nuschelte sie. „Ich hasse es im Löffelchen hinten zu liegen.“ Sprachs, drehte sich um und rückte mit ihrer Rückseite näher an ihn heran.
Kurze Zeit später überzeugte ihr ruhiger Atem ihn, dass sie tatsächlich eingeschlafen war.

Hatte sie seine Erektion gar nicht bemerkt oder war sie darüber genauso hinweg gegangen wie vorhin? Robert fühlte das Blut in seinen Lenden pochen, und völlig ratlos, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, lag er da, stocksteif („Bis ins letzte Glied“, dachte er sarkastisch) und traute sich kaum, sich zu regen. „Es regt sich bei mir schon genug“, grummelte er vor sich hin, natürlich still und ohne Laut, denn er wollte sie nicht wecken.

Ihre Haut war so weich. Sie duftete nach irgendeiner dieser unnützen Lotionen, die auch seine Frau so gerne in Unmengen einkaufte und dann doch nie benutzte, angeblich, weil die alle nichts taugten und nicht in die Haut einzogen.
Warum fiel es ihm so schwer, in Gedanken bei seiner Frau zu bleiben?
Und das Haar… es roch so herrlich nach Kräutern und kitzelte auf seiner Haut. Vorsichtig streifte er es zurück und legte damit ihren Nacken frei. Ihn überfiel der heftige Wunsch, sie genau dort zu liebkosen, ihr sanfte Küsse aufzudrücken und den Haaransatz zu streicheln. Sein Begehren wurde immer heftiger, und er konnte sich nicht zurückhalten: Ganz sachte zog er die Decke ein Stück zurück, legte ihre Brüste frei. Carina murmelte etwas unverständliches und rückte noch näher an ihn heran. Er sog scharf die Luft ein, aber sie wachte nicht auf, und er lag dort hinter ihr, mit all seiner unerfüllten Lust.

Sollte er sie wecken? Und was dann? „Sorry, aber ich bin so scharf auf Dich, lass uns ficken“? Er schüttelte selbst den Kopf über sich. Er sollte sich beherrschen.
Dennoch konnte er nicht aufhören. Ganz vorsichtig legte er den Arm um sie, streichelte mit den Fingerspitzen über ihren Brustansatz, bis er sah, dass sich ihre Brustwarzen langsam aufrichteten. Welcher Teufel ihn da ritt, wusste er nicht, aber es war ihm auch egal. Er zupfte leicht an ihnen, spürte, wie sie härter wurden.  Seine Hand glitt tiefer, bis zu ihrem Schoß, und er streichelte die glatte Haut, die sich ihm entgegenstreckte.

Moment mal… sie streckte sich ihm entgegen, das bildete er sich nicht nur ein! Sie war eindeutig wach. Und sie hatte ihn provoziert! Entschlossen drehte er sie zu sich um und sah in verhangene Augen, in denen Lust und Verlangen standen.

Der Gedanke an das, was folgte, ließ Robert auch in dieser Nacht nicht kalt. Immer, wenn er daran dachte, überkam es ihn, und er hegte den Wunsch, dass er sie wiederfinden würde. Doch noch immer war sie wie vom Erdboden verschluckt.
Als er am Morgen wach geworden war, lag dort nur ein Zettel mit einem Gruß.

„Wer auch immer mein Blind Date war“, stand dort, „kann sich meiner Dankbarkeit gewiss sein. Denn hätte er sich nicht gedrückt, wäre ich nie in den Genuss dieser wundervollen Nacht gekommen. Ich danke Dir, verheirateter Robert. C. “

Mehr stand dort nicht. Keine Anschrift, keine Telefonnummer, nichts.

Bis heute wusste er nicht wirklich, wie er nach Hause gekommen war. Bis heute wusste er noch nicht sicher, wie er den Streit mit Tatjana überstanden hatte. Irgendwann war er aufgestanden und gegangen. Und ihrem „Tu das nicht schon wieder!“, das sie ihm hinterherkreischte, setzte er ein müdes „Nur noch dieses Mal, Liebes“ entgegen. Dann hatte er seinen Koffer vom Speicher geholt, die wichtigsten Sachen eingepackt und hatte bei seinem Bruder angeklingelt. Peter hatte ihn schweigend angesehen und dann etwas gebrummt, was sich wie „na endlich“ angehört hatte.

Danach ging alles seinen Weg. Tatjana behielt alles, auch den Plastiktannenbaum. Robert wollte nichts davon haben, und so ging die Scheidung schnell und still über die Bühne.

Noch am gleichen Abend hatte er damit begonnen Carina zu suchen. Aber gefunden hatte er sie nie.

Irgendwann begannen die Träume. Er, in seinem Bett, angespannt vor lauter zitternder Erwartung. Carina kam herein, nackt, Leidenschaft verheißend. Dann fiel ihr Blick neben ihn und wandelte sich erst in Ungläubigkeit, dann in Enttäuschung, und er sah, was sie dort sah. Neben ihm lag Tatjana auf zerwühlten Kissen, das verführerische Negligé halb aufgeknöpft.

Verzweifelt rief Robert Carina hinterher, die langsam aus der Wohnung ging:

„Nein! Nicht! Das ist alles ganz anders als es aussieht!“

An diesem Punkt wachte er immer wieder auf. Schweißgebadet, einen Hauch dieser Verzweiflung noch in sich tragend.

Robert ging ins Schlafzimmer zurück und holte den Zettel aus seiner Brieftasche. Er trug ihn immer bei sich, wie einen Talisman. Wieder einmal starrte er die Zeilen an, so als würden sie irgendein Geheimnis in sich tragen, das er nicht ergründen konnte.

Schließlich faltete er ihn sorgsam wieder zusammen und legte ihn zurück.  Es war nicht mehr lang bis zum Dezember. Und er wusste, dass er sein Weihnachtsfest in dieser Hütte verbringen würde, in der Hoffnung darauf, dass sie wiederkehren würde.

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