Rechtschreibung kann Leben retten

„Ein Buchstabenverwechsler kann den ganzen Satz urinieren.“
Wer diesen Satz entwickelte, hat deutlichst bewiesen, wie wichtig es ist, immer auf die korrekte Schreibweise zu achten. Natürlich kann man sich mal vertun, und meistens geht das auch glimpflich aus. Je nach dem kann das aber zu einer solchen Verwirrung führen, dass man jegliche Kontrolle über das Geschehen verliert.
So auch ging es mir, obwohl noch nicht einmal mir der Fehler unterlief, sondern dieser dämlichen Kuh bei der Anzeigenannahme. Keine Ausrede, wirklich! Ich habe den Beweis bei mir daheim, denn ich hatte den Text selbst geschrieben und von dem Beleg extra eine Kopie gemacht, bevor ich ihn einreichte.
Leider hilft mir das gerade überhaupt nichts, denn nun sitze ich hier in dieser Zelle und warte darauf, dass mein Anwalt endlich eintrifft und mir dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, das diese Dilettantin angerichtet hat.
Aber gut, Sie wissen ja noch gar nicht, worum es geht, verehrter Leser. Wo soll ich anfangen? An dem Punkt, als ich die Anzeige aufgab, oder erst, nachdem die Polizei mich inhaftierte? Oder noch eher, um zu erklären, warum die Annonce überhaupt von mir in Auftrag gegeben werden sollte? Nun, das wäre vermutlich das Beste, in diesem Fall.
„Du solltest Dich mit Männern treffen.“ Der entschiedene Ton meiner Freundin machte mich unsicher. Deswegen reagierte ich erst einmal mit Trotz.
„Kommt gar nicht in Frage!“, versetzte ich und kippte den Rest meines Drinks auf einmal hinunter.
Wir saßen zusammen an der Bar dieses neuen Tanzlokals, das versprach, dass niemand, der es nicht absolut will, alleine nach Hause fahren würde. „ONS“, nannten sie sich, total offensiv. Darunter stand in kleineren Buchstaben „One Nice Salsa“, aber entweder hatte der Name das Lokal geprägt oder aber die Erklärung der Abkürzung war von Beginn an nur ein Alibi: Hier wurde mehr oder weniger offen gebaggert, so dass man sich eher wie in einem Sexclub als in einer Salsa-Disco vorkam. Aber gut, mein Problem sollte das nicht sein, denn ich bevorzugte deutlich meine Zuteilung in die Kategorie jener Gäste, die alleine nach Hause gehen wollten.

Zumindest wusste ich nun, was Nina dazu geritten hatte, sich ausgerechnet hier mit mir treffen zu wollen: Sie war auf dem Kupplertrip. ‚Hätte ich mir denken können‘, schoss es mir durch den Kopf, aber irgendwie hegte ich immer noch die Hoffnung, dass sie endlich einsah, dass Männer für mich nicht die Lösung, sondern das Problem darstellten.

„Doch, ernsthaft!“ Nina bestellte beim Barkeeper zwei neue Tequila Sunrise, und ich argwöhnte, dass diese dazu führen würden, dass Nina im Laufe des Abends noch dafür sorgen würde, dass ich mit irgendeiner dieser Männer auf dem Hinterhof landen würde: Den Rock hochgeschlagen, mit den Händen an der Mauer abstützend, damit seine Leidenschaft nicht umwerfend sein würde. Und am nächsten Morgen hätte ich dann ein noch elenderes Gefühl als durch den Kater, den mir dieses Gesöff bereits bescherte.
Nein, ich musste anders mit meinem Liebeskummer umgehen, entschied ich und lehnte einen dritten Drink ab und ging zu Wasser über. Seit Frank mich verlassen hatte war ich wie paralysiert. Ich glaube, ein einfaches Ende, mit Streit, Handgreiflichkeiten, Gerichtsterminen um unseren Hausraut auseinanderzudividieren, ja: Selbst mit Stalking hätte ich zurechtkommen können.

Aber Frank verschwand einfach. Morgens noch gab er mir einen liebevollen Kuss – und dann fand man sein Auto am Flughafen in Köln, nicht allzuweit von uns entfernt. Ich kam mir so dumm vor, hatte ich schließlich eine Vermisstenanzeige aufgegeben und damit die gesamte Polizei in NRW närrisch gemacht. Es musste was passiert sein, unkte ich. Ein Unfall, Raubüberfall, Mord, was auch immer. Aber der Wagen wies keinerlei Spuren von Gewalt auf, andere DNA-Spuren als die von Frank, mir, und ein paar Menschen aus unserem Bekanntenkreis gab es auch nicht. Es gab auch kein Flugticket auf seinen Namen, das stellten die Kripobeamten fest, und so blieb Franks Verschwinden ein ungelöstes Rätsel, das aber eher auf ein geplantes Verschwinden hindeutete; zumal sich schnell herausstellte, dass er sein gesamtes Geld und das von etlichen Kunden an sich gebracht hatte. Auch meine Ersparnisse waren fort.

Das sollte dann wohl der endgültige Beweis dafür sein, dass ich einem Betrüger aufgesessen war.
„Ich könnte ihn umbringen“, knurrte ich, ganz in meinen Erinnerungen gefangen und merkte spätestens daran, dass ich zuviel getrunken hatte. Das war einfach nicht meine Art. Gewalt war für mich nur ein Zeichen dafür, dass man versagt hatte, weil man kein anderes Mittel mehr fand. Nun, eigentlich war es ja auch so, überlegte ich weiter. Aber Ninas Stimme brachte mich zurück in die Realität.
„Wenn du so guckst, wirst du höchstens von der Polizei verhaftet, nicht von einem potentiellen Lover“, frotzelte sie und setzte hinzu: „Po … tenz… iell. Po, Potenz, Potentiell, haha!“ Sie hatte  eine so ansteckende Art zu lachen, dass bald schon ein paar der Herren auf uns aufmerksam wurden. Schon waren wir umringt von Männern, die nur zu gerne ihre Potenz unter Beweis gestellt hätten. Das aber war das Signal für mich aufzubrechen.

 

„Das ist einfach nichts für mich, Nina.“ Entnervt sah ich auf den Monitor, während wir skypten. Natürlich warf sie mir vor, wieviele Chancen ich mir hatte entgehen lassen. „Mindestens die Hälfte der Kerle hätte dir nur zu gerne sämtliche Gefühle für Frank aus dem Leib gevögelt, Süße!“ Damit hatte sie gleich losgelegt, als ich den Anruf von ihr annahm. Meine Entschuldigung klang ziemlich lahm, aber letztendlich war es doch so. Sie mochte es, sich ihr Vergnügen bei jedem verfügbaren Mann zu suchen, und auch die Öffentlichkeit spielt eher eine luststeigernde Rolle als dass es ihr um Diskretion ging.

Mir hingegen waren solche Momente zwar nicht fremd, aber ich hatte festgestellt, dass es mir nach einem One Night Stand eher schlechter als besser ging. „Du weißt genau, dass ich nicht ohne entsprechende Gefühle mit einem Mann ins Bett gehen kann. Und meine Gefühle gehören immer noch Frank“, erinnerte ich sie und setzte dann leise hinzu: „Er hat sie einfach mitgenommen.“
Nina schnaubte. „Nun, dann musst du etwas unternehmen. Damit du dich wieder verlieben kannst. So sauertöpfisch, wie du zurzeit unterwegs bist, ist das kein Vergnügen, meine Liebe. Kein Wunder, dass nur noch ich zu dir halte.“
Damit traf meine beste Freundin einen Punkt, der mir selbst ebenfalls zu schaffen machte. Seit dieser Trennung war ich unausstehlich geworden: Entweder aggressiv und unfair oder aber voller Trübsal und mit den Gedanken nicht bei der Sache. Einzig mein Beruf gab mir noch ein wenig Ablenkung, aber in der Freizeit mied mich inzwischen fast mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis. Es musste sich etwas ändern.

Also gab ich nach und wir entwickelten einen Plan, wie ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle bekommen sollte: Eine Kontaktanzeige sollte die Lösung sein. „Aber nicht in einem dieser Käseblättchen“, bestimmte meine Freundin. „Ich weiß auch schon wo. Die machen das ganz großartig, mit Foto und so.“
Und so schritten wir dann zur Tat: Nina lieh mir ein aufreizend geschnittenes, rotes Latex-Kleid und schleppte mich zu einem ihr bekannten Fotografen, der speziell für erotische Bilder bekannt war. Besonders sittsam fielen die Bilder daher auch nicht aus, die er von mir machte. Männermordend, eher. Ein weißer Hintergrund, vor den eine Art Spinnennetz gespannt war, in dem ich mich festhielt und räkelte. Zu dem hautengen Latexkleid trug ich schwarze Handschuhe und Overknees in der gleichen Farbe. Das sah schon ziemlich heiß aus. Das Foto aber, das Nina letztendlich aussuchte, war allerdings der absolute Hammer: Mit einem Grafikprogramm hatte mir der Fotograf einfach ein weiteres Paar Arme hinzugemogelt, so dass ich nun noch mehr einer Spinne glich; und da einer dieser Arme eine schwarz-rot-geflochtene Peitsche in der Hand hielt, wirkte das Bild schon fast bedrohlich, wenngleich auch unglaublich erotisch.

Da ich ziemlich unerfahren war, was Kontaktanzeigen anging, überließ ich das alles meiner Freundin, besonders deswegen, weil sie mich bezüglich meiner Bedenken auslachte.
„Liebes, hier geht es darum, die Männerwelt anzusprechen. Die brauchen keine langen Texte. Die brauchen Bilder und einen einschlägigen Slogan, und den werden wir ihnen liefern.“
„Aber das alles wirkt eher nach einer Domse auf der Suche nach One Night Stands, und das ist es ja überhaupt nicht, was ich will“, maulte ich.

Nina aber winkte ab. „Von mir aus können wir ja in den Text schreiben, dass Du nach einer großen Enttäuschung jemanden suchst, der Dich mit seiner Liebe und Anständigkeit den anderen Mann vergessen macht und bla bla bla. Nur erst einmal müssen sie doch hingucken, und das machen sie nicht, wenn Du ein Foto von Dir bei der Kuchenausgabe vom Kirchenfest abbilden lässt.“
Ich zog eine Grimasse, schwieg dann aber, als sie mir auf die Schulter klopfte und zu mir in einem Ton sprach, als sei ich minderbemittelt und leicht zu erzürnen. „Lass mich mal machen, Süße. Innerhalb von ein, zwei Wochen weinst du Franke keine Träne mehr nach.“

Das tat ich tatsächlich nicht. Vor genau zwei Wochen nämlich fand dieses Gespräch statt, und inzwischen habe ich nur noch einen einzigen Mann im Sinn: Meinen Anwalt.

Endlich werde ich in eine Besucherzelle geführt, denn eben jener Mann, um den sich nun nur noch meine Gedanken drehen, ist eingetroffen. Er sieht mich schockiert und ein bisschen misstrauisch an, was mich ein wenig wundert. Schließlich ist dies nicht das erste Mal, dass er mich aus der Untersuchunghaft holen muss. Kleine Drogendelikte, fragwürdige politische Aktionen. Nichts Wildes und eigentlich waren ihm meine Eskapaden immer sympathisch gewesen.
Allerdings bin ich noch nie wegen der Planung eines Mordes inhaftiert worden, und die Art und Weise, wie ich vorgegangen sein soll, irritiert ihn sicherlich zutiefst. Das alles passt ganz und gar nicht zu mir, aber schließlich war es ja auch Ninas Idee. Als er mich in meinem üblichen langweiligen Outfit erblickt, schaut er sehr erleichtert aus und ist, wenn auch zögerlich, bereit, sich meinem Problem zu widmen: Von der schwarzen Witwe auf der Kontaktanzeige ist natürlich nichts übrig geblieben.

Ich bin gleich nach dem Shooting wieder zu meinen braven, biederen, grauen Kostümen zurückgekehrt und habe auch nicht vor, mich noch einmal in einen männermordenden Vamp zu verwandeln. Vor allem nicht nach dieser Annonce. Nicht, nachdem dem Büromäuschen dieser Zeitung dieser eklatante Buchstabenwechsler unterlaufen war, den ich nun meinem Anwalt erklärte. Dieser Buchstabenwechsler, den den ermittelnden Kommissar auf die Idee brachte, dass ich mir über solche Kontaktanzeigen Männer suche, die ich morden und zermetzeln kann.
„Ich kann das beweisen, Herr Dr. Wollgarten. Ehrlich. Nina ist schon auf dem Weg in meine Wohnung und holt den Ordner, in den ich meine Kopie der Kontaktanzeige abgeheftet habe. Die haben da aus einem „ie“ ein „ei“ gemacht!“ Verzweifelt blicke ich ihn an und erkenne an dem Grinsen, das sich in seinem Gesicht ausbreitet, dass er mir glaubt.
Es ist aber auch zu aberwitzig. Wer bitte schön würde in einer seriösen, wenn auch der Erotik nahen Zeitschrift eine Kontaktanzeige aufgeben und diese folgendermaßen betiteln:

„Suche neuen Mann zum Entleiben!“

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