Mama forscht

Kennt Ihr diese Tintenroller, bei denen man das Geschriebene wieder ausradieren kann?
Nicht mit dem Tintenkiller, nein: Man benutzt einfach den am Ende des Tintenrollers angebrachten Radierer und reibt damit über die Stelle, die man auslöschen will.

Eine fantastische Erfindung, dachte ich mir und holte gleich ein Megapack für mich und meinen Filius. Wir beide sind nicht immer sehr konzentriert bei der Sache, und dann schleichen sich immer wieder Fehler beim Schreiben ein.

Seit der Anschaffung dieser Tintenroller habe ich oft genug schon meine Fehler ganz elegant wieder verschwinden lassen. Der Vorteil gegenüber Tinte und Killer:

  • Nur ein Stift für Schreiben, Ausradieren und Überschreiben.
  • Keine Chemie (was besonders von den ökologisch bewussten Lehrerinnen geschätzt wird).
  • Kein Warten, bis die Flüssigkeit des Tintenkillers auf dem Blatt getrocknet ist.
  • Keine ausgefransten Buchstaben, wenn man doch mal zu kurz gewartet hat; statt dessen die strahlende Schönheit eines fehlerfreien, sauberen Textes.

Mein Sohn und ich sind uns also endlich einmal in einer Sache einig: Dieser Stift ist genial.

Nun steckt bekanntlich der Teufel im Detail, und ich bin ein sehr detailverliebter Mensch. Sprich: Ich hinterfrage nicht nur, wohin die Schmetterlinge verschwinden, wenn es regnet, sondern auch, warum man diese Tinte radieren kann. Eine erklärende Antwort darauf erhielt ich nie – bis gestern Nachmittag.

Es gibt eine Situation in unserem doch ziemlich friedlichen Zusammenlebens, in der mein Sohn und ich uns liebend gerne gegenseitig ertränken, vierteilen oder auf irgendeine andere sadistische Art und Weise ums Leben bringen würden: Hausaufgaben.

Nun geht der Junge dankenswerterweise auf eine Ganztagsschule, so dass sich die Aufgaben, die daheim gelöst werden müssen, weitestgehend auf die Korrektur von Klassenarbeiten und auf das Lernen von Vokabeln beschränken. Wie der Zufall es so wollte, stand gestern gleich beides auf dem Plan: Er musste zwei DinA4-Blätter Vokabeln schreiben und auswendig lernen und eine vierseitige Klassenarbeit in Mathematik korrigieren.

Mir war klar, ihm ebenfalls, dass das in einer Katastrophe enden musste. Wir hatten eh gerade einen sehr verletzlichen Burgfrieden geschlossen, weil ich ihm etliche seiner Handyspiele verboten hatte. USK 16 ist eben nicht für einen Elfjährigen gedacht, auch wenn diesem die Einsicht dafür fehlt. Mit Wut im Bauch und überhaupt keiner Lust zu arbeiten ging der junge Mann dann also ans Werk.

Es kam, wie es kommen musste: Er verschrieb sich ständig, radierte, wurde immer wütender und zerknüllte schließlich das fast fertige Blatt derart, dass es eigentlich nicht mehr zu gebrauchen war. Nun gebe ich zu: Gerade, was das Schreiben betrifft, werde ich schnell weich. Mein Sohn hat eine angeborene Handgelenkschwäche, die ihm große Schreibarbeiten schnell zur Qual werden lassen. Nach einem halben Blatt muss er bereits eine Pause einlegen, weil er nicht weiterschreiben kann. Da ich dieses Problem selbst habe und erst seit Erfindung des PCs größere Schreibmengen bewältigen kann, weiß ich, dass der kleine Racker nicht flunkert und kann sein Problem durchaus nachvollziehen.

Was also tun? Neu schreiben lassen? Das wäre vermutlich pädagogisch wertvoll, wenn es die Probleme mit dem Handgelenk nicht geben würde. Verzweifelt genug war der Junge eh schon, und ich spürte genau, dass wir an dem Punkt waren, an dem seine ganze Wut in ihrer Pracht und Herrlichkeit in einem zerstörerischen Anfall ausbrechen würde. Mein kleiner Hitzkopf hatte schon öfter einen solchen Anfall, und manchmal fielen seiner Wut auch Gegenstände zum Opfer, die ich dann im Anschluss reparieren musste.

Mir fiel ein, was ich in meiner Schulzeit gemacht hatte, wenn meine Hefte oder Blätter zu arg gelitten hatten. Also: Bügeleisen herausgeholt, Blatt zwischen ein Küchentuch gesteckt, mit dem heißen Eisen drüber gefahren – sollte klappen. Das Schlimmste, was mir hier mal passiert ist, war ein sehr dunkel gewordenes Blatt, das durch die Hitze derart brüchig geworden war, dass es auseinanderfiel.

Gut, dachte ich mir. Das sollte also eigentlich hinhauen, wenn ich das Blatt nur ganz kurz bügele.

Gesagt, getan. Nur war das Ergebnis nun überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte.

Ich hatte ja wirklich mit allem gerechnet: Mit vergilbtem Papier; damit, dass die Falten immer noch drin sind. Aber: Das Blatt war glatt und –

Weiß. Komplett Weiß. Alles Geschriebene weg, unsichtbar! So, als habe nie jemand etwas auf dieses Blatt geschrieben. Nur, wenn man das Blatt ein wenig im Licht hin und her drehte, konnte man erkennen, dass da mal was stand.

Bei „normaler Tinte“ passiert das nicht, daher konnte ich nur davon ausgehen, dass es an der Thermotinte lag.

Das aber löste nun überhaupt nicht mein Problem, das ja eigentlich darin bestand, den Jungen zu entlasten und ihm nicht doch die Aufgabe neu schreiben zu lassen.

Seufzend setzte ich mich also an den Tisch und schrieb der Lehrerin einen Entschuldigungsbrief, in dem ich ihr das Problem erklärte.

Während ich schrieb, zählte ich Eins und Eins zusammen und kam endlich dahinter, wie diese speziellen Tintenroller funktionieren:

Da die Hitze die Tinte entfernt, wird die Hitze, die durch die Reibung während des „Radierens“ entsteht, die Tinte löschen. Es ist also anders als beim üblichen Radiergummi und anders als bei der üblichen Tinte, die nur durch chemischen Einsatz verschwindet.

Auch das erklärte ich in diesem Entschuldigungsbrief und endete dann mit den Worten:

„Diesmal hieß es ausnahmsweise nicht „Jugend“, sondern „Mama forscht“.

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