Drachenweihnacht

Es begab sich zu einer Zeit, in der Menschen und Drachen noch freundschaftlichen Umgang miteinander pflegten, dass auch das Julfest von beiden Rassen gemeinsam begangen wurde.

 

Dazu gab es einen ganz besonderen Brauch: Jedem Menschenkind, das am Beginn des neuen Wachstums zehn Winter alt war, wurde eine Julbaumkugel in Obhut gegeben. Sie mussten diese Kugel immer bei sich tragen und auf sie achten, als sei es ihr Augapfel.

 

Bunt waren diese Kugeln, und von unterschiedlicher Gestalt und Farbe. Einige waren rund wie ein kleiner Schneeball, andere hingegen eher wie Zapfen geformt, und wieder andere trugen eine ovale Form. Es gab sie in rot, gelb, grün, blau, silber, gold, orange – ach, es wäre müßig, alle Farben aufzuzählen, denn sie waren so vielfältig wie der Sand am Meeresufer, dort, wo die kleineren Kinder spielten, schwimmen lernten und sich bemühten, die besten ihres Jahrgangs zu werden. Denn: Eine Kugel war immer eine ganz besondere. Nun, es war eigentlich keine Kugel in dem Sinne. Sie war ein Zapfen, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Spitz zulaufend zu beiden Seiten war sie wesentlich breiter als die üblichen Formen dieser Art und dann war sie noch mit goldenen  Stacheln besetzt. So, als sei sie ein Stern, kam es Siopi vor. Jedes Kind wusste, dass dieser Schmuck am Ende die Spitze des Julbaums schmücken würde, und für diese Kugel zu sorgen war die größte Ehre im Volk der Menschen.

 

Siopi stand mit ihren Freundinnen in der Reihe und wartete darauf, dass ihr ihre Kugel überantwortet wurde. Aufgeregt schnatterten die Mädchen durcheinander, stießen sich in die Rippen und überlegten lauthals, welche Kugel sie wohl erhalten würden. Sie hechelten ihre Lieblingsfarben durch und kombinierten sie mit den verschiedensten Formen und starrten immer wieder zu jenen Kindern herüber, die ihren Julbaumschmuck bereits erhalten hatten und, sich der Erhabenheit dieses Momentes durchaus bewusst, mit gemessener Würde an dem Rest der Kinderschar vorbei wanderten.

 

„Ich hätte so gerne eine rote Kugel“, seufzte Eleni und stupste Siopi an. „Und du?“ „Hm… nachtblaue Kugeln haben sie wohl nicht“, erwiderte diese und seufzte theatralisch. Seit kurzem mochte sie am liebsten die Farbe des nächtlichen Himmels; vor allem in einer wolkenlosen Nacht, in der der tiefblaue Himmelsvorhang mit goldenen Sternen gesprenkelt war. „Ach, was solls. Eine Kugel ist so gut wie jede andere“, befand sie dann. „Schließlich müssen wir so oder so auf sie achtgeben, egal ob sie uns gefällt oder nicht.“

 

Eleni schob sich näher an ihre Freundin heran. „Was passiert eigentlich, wenn wir die Kugeln verlieren oder gar zerbrechen? Weißt du es?“

Eleni fragte nicht umsonst Siopi, schließlich war sie die Tochter der Schamanin und überwachte den Brauch mit Argusaugen. Doch sie hatte kein Glück. Auch Siopi musste, wie alle anderen Kinder ausharren und das Jahr mit ihrem Schatz allein zurechtkommen, ohne Anleitung.

 

Alle älteren Kinder und natürlich auch die Erwachsenen wussten, was in der Julnacht geschehen würde. Doch sie hielten dicht, denn gemäß der Traditionen musste ein jedes Kind diese Aufgabe allein meistern.

 

Die Reihe rückte weiter vor und die beiden Freundinnen hielten sich an der Hand, als sie zu ihren Vorgängern aufschlossen. Aufgeregt waren sie, ja. Und sie hofften beide, dass sie die besondere Kugel erhalten würden. Jedes Kind hoffte darauf.

 

Tyrion kam gerade zurück und hielt einen strahlend weißen Zapfen in seiner Hand. Ehrfurcht erfüllte sein Gesicht und er achtete auf jeden seiner Schritte. Das war ungewöhnlich für Tyrion, war er doch ein richtiger Wildfang, der am liebsten auf Bäume kletterte, sich mit den anderen Jungen raufte und die Mädchen an ihren Zöpfen zog. Siopi mochte ihn; er war immer so gut gelaunt und lachte fast den ganzen Tag. Und wenn er nicht mit seinen Freunden herumzog und sie ihre Freundinnen nicht bei sich hatte, war er richtig nett zu ihr. Stolz trug der Junge die Kostbarkeit zu seinen Eltern, die schon mit einer weich gepolsterten  Tragetasche auf ihn warteten.

 

So langsam wurde Siopi nervös. Was erwartete sie, wenn sie an der Reihe war? Durfte sie sich eine Kugel aussuchen oder wurde sie ihr zugeteilt? Wurde die Zuteilung ausgelost oder gab es bestimmte Kriterien, denen ein Kind entsprechen musste?

 

Die Minuten zogen sich und scheinbar nahm die Reihe kein Ende. Auch Eleni war inzwischen verstummt und widmete sich ihren eigenen Gedanken. So ging es jedem Kind, das in dieser Reihe stand: Je näher man dem Augenblick kam, um so stiller wurden sie. Alle Aufregung schien sich in einer Art Lähmung zu kanalisieren, die am Ende dafür sorgte, dass einer der Zeremonienmeister die Kinder mit sanfter Hand in das Zelt schob.

 

So erging es auch Siopi. Auch sie hatte gezögert, war vor lauter Nervosität nicht mehr in der Lage gewesen, sich auch nur noch einen Meter aus eigenen Stücken zu bewegen. Überwältigt stolperte sie ins Dunkel.

 

Ihre Augen mussten sich erst einen Moment an die Finsternis gewöhnen, die ihr entgegenschlug. Erst nach und nach erkannte sie ihre Mutter, die als Schamanin ihren Beobachtungsposten im hinteren Teil des Zeltes bezogen hatte. Dann nahm sie auch noch andere Erwachsene wahr und stellte fest, dass sie sie alle kannte. Agravyn, der Dorfälteste, saß direkt in der Mitte des Zeltes, und um ihn herum lagen sie, die begehrten Zeugnisse des Erwachsenwerdens. Das hatte ihre Mutter ihr verraten: Wenn sie gut auf ihre Kugel achtete und alles richtig machte, wurde sie danach in den Kreis der Jungfrauen aufgenommen und hatte damit wesentlich mehr Rechte als bisher. Natürlich erweiterte sich auch ihre Liste der Pflichten, aber das gehörte eben zum Erwachsenendasein dazu.

 

Agravyn räusperte sich und winkte sie zu sich. „Nun, kleine Siopi. Wie du bereits weißt, ist heute ist der Tag, an dem du dein Schmuckstück für den diesjährigen Julbaum erhältst.“

 

Aufgeregt trippelte Siopi zu ihm hinüber. Es gab so vieles, was sie noch nicht wusste, und heute wurde sie in eines der aufregendsten Geheimnisse ihres Volkes eingewiesen!

 

„Was du allerdings nicht weißt, ist, dass bereits bei deinem zweiten Geburtstag festgelegt wurde, um welche Kugel du dich zu kümmern haben wirst. Jedes Kind wird dann in dieses Zelt gebracht und auf den Boden gesetzt. Dann beobachten wir nur noch, welches Kind zu welchem Kleinod krabbelt. Das erste, an dem Ihr Halt macht, wird für euch bereit gelegt und wartet dann auf den Tag des Wiedersehens, der nun, für dich, am heutigen Tag stattfindet.“

 

Mit einer knappen Geste forderte der Alte Siopi auf, sich zu ihm zu setzen. „Ja, so spricht es sich leichter. Von Angesicht zu Angesicht.“  Schließlich griff er vor sich nach einer bestimmten Kugel und hielt sie sacht in seinen Händen, während er sie schier unendliche Zeiten betrachtete.

 

Siopi wagte kaum zu atmen, als sie das Schmuckstück in Agravyns Händen ansah. Es war nachtblau,  eine sehr ungewöhnliche Farbe für eine Julbaumkugel. Und auch die Form entsprach absolut nicht dem, was Siopi bisher kannte: Statt eines Zapfens oder eines Balls lag vor ihr eine perfekte Mischung aus beidem; jedoch hatte diese nicht, wie sonst üblich, die Stacheln aufstehen, sondern war über und über mit golden und silber funkelnden Sternen bedeckt!

 

Das war die Kugel, die sie sich in ihren Träumen gewünscht hatte!

 

Agravyn merkte auf und lächelte. „Ja natürlich hast du von der Kugel geträumt, liebes Kind. Du hast an deinem zweiten Geburtstag fast eine Stunde mit ihr gespielt und geweint wie eine kleine Mama, die ihr Kind verliert, als du sie wieder verlassen musstest.“

 

Siopi kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fragend blickte sie den alten Mann an. „Darf ich?“

 

Er nickte und lachte. „Natürlich darfst du. Du musst sogar, denn ab diesem Moment ist die Kugel in deiner Obhut. Gib acht auf sie, als sei sie deine Seele.“

 

Vorsichtig trat das junge Mädchen an ihren Zapfen heran und hob sie auf. Sie war warm, das Material schien die Frische des noch jungen Frühlings zu absorbieren. Es kam ihr so vor, als würde sie pulsieren.  In dem Moment, als sie den das Kleinod in den Händen hielt, erinnerte sie sich an diesen wundersamen Nachmittag, als sie mit ihm gespielt hatte. Die Verbundenheit stieg wieder auf, und zärtlich drückte sie ihren Schatz an sich.

 

Doch dann kam ihr ein furchtbarer Gedanke. „Kurz vor jedem Julfest werden die Kugeln den Drachen überantwortet, damit sie mit ihnen den Julbaum  schmücken. Was geschieht denn danach mit ihnen? Bekommen wir die Schmuckstücke dann zurück?“

 

Agravyn nickte anerkennend zu Siopies Mutter. „Du hast sie tatsächlich nicht eingeweiht.“ Dann wandte er sich noch einmal dem jungen Mädchen zu. „Das wird sich alles finden. Am Julfest. Bis dahin kümmere dich mit besonderer Sorgfalt um deine Kugel.“

 

Dann nahm er das Kind bei seinen Schultern und schob sie aus dem Zelt.

 

In den kommenden Monaten hielt sich Siopi akribisch an die Anweisungen der Älteren, die ihr zeigten, worauf sie achten musste, damit ihr Julbaumschmuck für die besondere Nacht seine Schönheit erhielt. Sie polierte die Kugel, sprach mit ihr und trug sie stets in einer gepolsterten Tasche bei sich. Tatsächlich glänzte ihr Schmuck nach einer Weile derart, dass alle voll des Lobes waren, wenn sie sie erblickten. Denn das gehörte auch dazu: An jedem Neumond kamen die Kinder zusammen und zeigten die Julkugeln den Dorfbewohnern. Die, die sich gut um die Kugeln kümmerten, bekamen ein paar Privilegien. Zum Beispiel durften sie am Abendritual teilnehmen. Schweigend zwar, aber immerhin! Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg ins erwachsen Werden.

Diejenigen, die sich nicht gut kümmerten, wurden ermahnt und mussten sich lange Vorträge über Pflicht und Verantwortung anhören.

 

Siopi saß gerne dabei, wenn das Abendritual abgehalten wurde. Jeder durfte einen schlechten und einen guten Moment des Tages nennen. So wurden viele Unstimmigkeiten gleich angesprochen und jeder freute sich über die guten Momente. Wenn sie so weitermachte, durfte sie sich bald selbst einbringen und ihre guten und schlechten Momente anbringen. Was für eine Verantwortung lag darin! Schon jetzt achtete sie immer wieder darauf, was ihr alles Gutes widerfuhr, nur damit sie den besten Moment des Tages nicht verpasste. Die schlimmen Dinge waren ja eh immer präsent, aber die Guten? Die waren so wertvoll und dennoch vergaß man sie so schnell.

 

Eine Sache jedoch bedrückte sie. Immer wieder dachte sie darüber nach, was passieren würde, wenn sie ihren Julzapfen an den Drachen übergeben würde, der sie auserwählte. Würde sie ihn dann nie wieder bei sich tragen können? Jedes Mal, wenn ihr diese Möglichkeit in den Sinn kam, überfiel sie eine unendliche Verlorenheit. Das konnte sie nicht zulassen, nein! Irgendetwas musste ihr einfallen, um das zu verhindern. Nur was?

 

Der Sommer ging vorüber und man merkte bei allen Kindern, die eine Julkugel zu betreuen hatten, eine merkliche Änderung. Sie wurden ruhiger, vergaßen weniger Pflichten, die Wildheit, die sie ihre ersten Jahre begleitet hatten, wurde sanfter. Ja, sie waren noch Kinder, spielten viel und lachten noch mehr. Aber dieses eine Jahr brachte ihnen einen enormen Zuwachs an Reife.

 

Nur Siopi lachte immer weniger. Die Momente, in denen sie abwesend vor sich hin brütete, wurden so häufig, dass ihre Mutter darauf aufmerksam wurde.

 

„Was ist los mit dir? Du wirkst so traurig in letzter Zeit, Siopi.“

 

Siopi fühlte sich unangenehm berührt davon, dass ihr Gemütszustand ihrer Mutter nicht verborgen geblieben war. Dabei hatte sie sich so sehr bemüht! Niemand durfte doch wissen, dass sie mit den Bräuchen ihres Volkes nicht zufrieden war. Es war so egoistisch von ihr, dass sie ihren Zapfen behalten wollte. Und doch – sie liebte dieses Ding nicht nur so, wie man eben einen Gegenstand lieben konnte. Es ging viel tiefer. Sie mochte kaum noch von ihm getrennt sein. Selbst zum Schlafen nahm sie die Tasche mit ins Bett. Was, wenn ihre Gefühle unangemessen waren? Was, wenn sie nicht normal war, so wie alle anderen auch? Darüber konnte sie keinesfalls mit ihrer Mutter reden. Schließlich war diese die Schamanin des Dorfes!

 

„Ach, ich habe nur…“

Verzweifelt suchte Siopi nach einer Ausrede. „Ich habe in den letzten Tagen immer mal wieder ein bisschen Kopfweh gehabt. Das macht mir halt Sorgen.“

„Und davon sagst du mir nichts? Schließlich kenne ich alle Heilmethoden, und gerade du solltest das wissen! Komm mal her, ich untersuche dich.“

Erleichtert und gleichzeitig ein bisschen beschämt darüber, dass sie ihre Mutter erfolgreich angeschwindelt hatte, ließ sich Siopi von ihrer Mutter untersuchen.

 

„Hm.. es ist nichts zu finden. Gehen wir mal davon aus, dass es am Wetter liegt. Oder es kann sein, dass du langsam zur Frau wirst. Da hat man manchmal ein paar Beschwerden.“

 

Siopie verdrehte die Augen. „Jaha. Darüber haben wir im Unterricht schon gesprochen.“ Das Thema war ihr immer noch unangenehm, aber besser sie sprachen darüber, als dass ihre Mutter nachhakte. „Das ist es ja, was mir ein bisschen Sorgen macht. Das, was alles damit einhergeht, eine Frau zu werden.“

 

Ihre Mutter lachte. „Darüber können wir gerne reden, aber nicht jetzt. Ich muss gleich in den großen Rat. Das Julfest will vorbereitet werden.“

 

Da war es wieder. Das Julfest. Der Tag, an dem sie von ihrem täglicher Begleiter Abschied nehmen sollte.

 

‚Ich laufe einfach weg‘, dachte sie. ‚Dann bin ich zwar ausgestoßen, aber ich würde mich noch schlimmer ohne meine Kugel fühlen.‘
Dann fiel ihr auf, wie albern das klang. Die ganze Dorfgemeinschaft, die menschliche Gesellschaft, all das hinter sich lassen, nur wegen eines… Dekorationsstücks? Alle enttäuschen, die sich schon auf den Moment freuten, an dem ihr Zapfen die Julbaumspitze krönen würde?

 

‚Wie kannst du nur so egoistisch sein! Hat dich dieses Jahr nicht Verantwortung gelehrt?‘ Siopi war böse mit sich. Sie rief sich zur Ordnung und erinnerte sich selbst daran, dass eine Gemeinschaft auch Opfer forderte. Nun, sie würde dieses Opfer bringen müssen.

 

Und so schritt sie am Abend vor dem Julfest gemessenen Schrittes hinter all den anderen Kindern her, die den Julschmuck zu den Drachen trugen.

 

Eine ehrfürchtige Stille beherrschte den Abhang. Alle hatten sich dort versammelt: Die Alten, die Jungen, die Kinder – und auch die Drachen. Beinahe regungslos betrachteten sie die kleine Prozession, die über den Berg zu ihnen herüber kam. So viele Kinder waren da, die allesamt ihre Julkugeln vor sich her trugen; sichtbar für alle. Mal strahlten sie mehr, mal weniger. An den Seiten der langen Reihe liefen die Zeremonienhelfer; sie trugen Fackeln, die den kleinen Zug beleuchteten.

 

Siopi war nervös. In ihr herrschte ein Aufruhr der Gefühle. Den ganzen Tag hatte sie allein mit ihrem Zapfen verbracht, hatte ihn poliert, gestreichelt, mit ihm geredet – kurz: Sie hatte sich von ihm verabschiedet. Geweint hatte sie, oh ja. Aber nur heimlich. Auch jetzt war sie den Tränen nahe, aber dennoch fühlte sie auch die Aufregung, die mit diesem Zeremoniell einherging. Und die Neugierde, welcher der Drachen ihre Kugel wählen würde. Und was dann passieren würde. Und überhaupt: Die ganze Sache war eine Jahrhunderte alte Tradition, und endlich war sie ein Teil davon!

 

Endlich blieben sie stehen. Alle Kinder drehten sich gleichzeitig zu den Drachen um. So hatten sie es in den vergangenen Tagen immer wieder geübt. Nun war es an den geflügelten Wesen vor ihnen, ihre Auswahl zu treffen.

 

Sie flogen um die Reihe der Kinder herum, stießen immer wieder herunter um ein bestimmtes Schmuckstück näher zu betrachten. Und dann setzte sich der Erste unter den Drachen vor Siopi ins Gras.

 

„Du hast bewiesen, dass du der Freundschaft mit den Drachen würdig bist, Siopi“, dröhnte er und sah auf sie hinunter. „Da deine Kugel von allen Kugeln am hellsten strahlt, bist du die Eine, die sich den Drachen aussuchen darf, der ihre Kugel an den Baum hängt. Alle anderen Kinder werden warten müssen, welcher Drache sie erwählt.“

 

Siopi starrte den Drachen fassungslos an. Sie.. durfte wählen? „Aber… aber… Was ist denn mit der Ehre, von einem Drachen erwählt zu werden? Wird sie mir dadurch verweigert, dass ich besonders gut auf meine Kugel achtete?“

 

Ein ohrenbetäubendes Gelächter schallte über den Abhang: Alle Drachen lachten laut, und auch die Älteren ihres Volkes ließen sich davon anstecken. Siopie wurde über und über rot. Scheinbar hatte sie etwas sehr Dummes gesagt, wenngleich sie nicht wusste was. Fragend sah sie zu dem Drachen auf.

 

Als es wieder still im Tal war, bekam sie die Antwort: „Nun denn, fragen wir doch mal herum. Liebe Drachenbrüder und -Schwestern. Wer möchte Siopis Weihnachtsschmuck an den Baum hängen?“

 

Wie ein Drache machten alle einen Schritt vorwärts und erhoben einen Flügel. Es war ein umwerfendes Bild, das sich allen bot. Alle wollten sie!

 

„Ich verstehe“, entfuhr es Siopi.

 

„Gut. Denn dadurch wird dir die Ehre zuteil, denjenigen zu wählen, der deiner Meinung nach am besten dazu geeignet ist, dein Schmuckstück zu seinem Platz zu tragen.“

 

Zögernd sah Siopi sich um. Wie sie nun feststellte, waren alle zur Auswahl stehenden Drachen jung, etwa in ihrem Alter. Machten sie genau so eine Prüfungszeit durch? „Darf ich noch eine Frage stellen?“

 

Die Heiterkeit war der Antwort des Drachen anzumerken, aber er bewies Geduld und ließ sie ihre Frage stellen.

 

„Wir mussten alle diese Kugel hüten, damit sie heute angebracht werden darf. Was berechtigt diese Drachen zu dieser Ehre, den Baum zu schmücken?“

 

Ein leises Raunen ging durch die Dorfgemeinschaft. Noch nie hatte jemand gewagt, dies den Drachen abzusprechen. Schließlich waren sie groß und konnten fliegen und kamen daher an alle Stellen des Baumes heran, während die Menschen lediglich die unteren Zweige erreichten!

 

„Deine Frage hast Du gut gewählt“, antwortete jedoch der Drache. „Und du sollst eine Antwort erhalten. Jeder dieser Drachen war seit dem Tag, an dem ihr euren Schmuck wähltet, für einen von euch der Beschützer und Begleiter. Sie mussten darauf achten, dass euch nichts passiert, damit ihr in diesem Jahr der Tradition folgend eure Kugeln zum Julbaum tragen konntet.“

 

„Wer war denn für mich verantwortlich?“

 

Ein kleineres Exemplar trat hervor. Nachtblau, so wie ihre Kugel, und gänzlich ohne Stacheln sah es aus, als würde es kein Wässerchen trüben können. Wie es geschafft haben sollte, sie zu beschützen, war Siopi unklar, aber sie erinnerte sich an ein paar heikle Situationen in den früheren Jahren, die für sie hätten ungünstig ausgehen können.

 

Also trat sie zu dem Drachen und sagte feierlich: „Da du mir geholfen hast, meinen Julschmuck zu beschützen, wirst du auch die Ehre haben, ihn am Baum anzubringen.“

 

Stolz schüttelte der Drache seinen Kopf. „Als Dank für deine Wahl möchte ich dich bitten: Steige auf und fliege mit mir zur Spitze, denn dort ist der Platz für deinen Zapfen. Du sollst ihn dort anbringen.“

 

Das überraschte Siopi nun völlig. Sprachlos stieg sie auf den Rücken des Drachenkindes und ließ sich in die Lüfte tragen.

 

„Wie heißt du eigentlich? Ich meine, mein Name ist dir ja bekannt, aber wie soll ich dich nennen? “

 

Ein sanftes Grollen antwortete ihr. „Ich bin Rejo, meines Zeichens ein Drache der Chamäleoniden. Wir gleichen unsere Farbe der Himmelsfarbe an, und daher wurdest du in meine Obhut gegeben. Niemand sonst hätte der Farbe deiner Kugel entsprechen können, und das ist wichtig bei der Auswahl der Hüter.“

 

„Deshalb habe ich dich vermutlich auch nicht bemerkt, hm?“

 

Rejo lachte. Es klang nach einer kleinen Steinlawine, die in einem Bach gebremst wurde. „Das mag sein. Aber ich habe dich die ganze Zeit bewacht und war sehr froh, dass du mich heute erwählt hast.“

 

„Naja, ich fand es nur fair, dass ich dich gewählt habe. Schließlich hast du mir ja geholfen.“ Siopis Verlegenheit wich dem Gefühl der Traurigkeit, als ihr klar wurde, dass nun bald der Moment kommen würde, in dem sie ihren Zapfen an den Baum verlieren würde. Sie schluckte hart und versuchte, sich darauf vorzubereiten. Aber wie bereitet man sich auf einen Verlust vor? Eigentlich hatte sie ja schon Abschied genommen. Doch je näher sie der Baumspitze kamen, desto trauriger und verzweifelter wurde sie.

 

„Ich will es nicht an den Baum verlieren“,  flüsterte sie, „ich will es nicht.“

 

Doch es half alles nichts. Sie konnte, durfte nicht alle anderen enttäuschen.

 

Rejo war inzwischen mit ihr an der Spitze angekommen.  Langsam, fast zu langsam schon streckte Siopi ihre Hände aus und setzte den Zapfen auf. Fast geduckt erwartete den Trennungsschmerz. Doch er kam nicht.  Sie fühlte sich immer noch verbunden – nur nicht mehr mit dem Schmuckstück!

 

Überrascht keuchte sie auf. Ihre Verbundenheit hatte sich auf Rejo übertragen. Was war passiert?

 

Während sie noch darüber nachdachte, flog der Drache wieder ins Tal herab und setzte seine wertvolle Fracht in der Nähe eines Sees ab.

„Nun kennst du das Geheimnis. Durch die Hütezeit werdet ihr darauf vorbereitet, dass sich einer von uns Jungdrachen mit euch verbindet, Siopi. Und die, die das Glück haben, ihren Drachen selbst zu wählen, können unter den besten von allen aussuchen.“

Er schüttelte den Kopf und wieder erscholl ein heiteres Grollen aus seinem Maul. „Du hast eine ungewöhnliche Frage gestellt. Und du hattest das Glück, dass der Älteste der Drachen dir gewogen ist und sie dir beantwortet hat. So konntest du die beste Wahl für dich treffen. Und für mich, und dafür bin ich Dir sehr dankbar.“

 

Zusammen standen sie an dem See und schauten hinaus auf den Mond, der sich in dessen  Oberfläche spiegelte.  Nun verstand sie alles. Und sie war froh, dass sie dem Ritual gefolgt war. Schließlich hatte sie die Verbundenheit nicht verloren und ihr Stern würde den ganzen Winter über an dem Julbaum strahlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.