Kein Kopfkino

Wasser. Ich brauche dringend Wasser. Irgendetwas zu trinken, was meinen Mund nicht mehr so trocken wie eine Wüste wirken lässt. Müsste ich jetzt sprechen, es käme nur ein jämmerliches Krächzen heraus.

Immer wieder höre ich Deine Nachricht. Die Worte, die Du mir auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hast. Worte, die mich erregen. Die mein Kopfkino anfachen wie bisher schon lange nichts mehr.

Warum eigentlich Kopfkino? Der Begriff scheint mir überhaupt nichts zu sagen, ist dermaßen fehl am Platze, dass ich mich frage, welcher seelenlose Depp ihn seinerzeit kreiert hat? Das, was sich in mir abspielt, hat nichts, aber auch gar nichts mit meinem Kopf zu tun. Ich höre Dich. Ich verstehe Deine Worte, Deine Botschaft. Aber nichts von dem, was Du sagst, kommt in meinem Kopf an. Es schießt mir direkt in den Schoß.

Schnaufend hole ich Luft, schlucke trocken. Wie war das noch mit dem Wasser? Egal, ich kann jetzt nicht aufstehen. Erst will ich noch einmal Deine Nachricht hören, drücke auf „replay“. Lausche Deiner Stimme, nehme die unverhohlene Lust in ihr wahr. Unwillkürlich kneife ich meine Pobacken zusammen, rutsche unruhig auf meinem Stuhl herum und überlege mir, wie oft ich das Band noch abhören muss, damit der Reiz verschwunden ist. Im Moment glaube ich, dass das nie der Fall sein wird.

Du hast so etwas an Dir, was mich immer wieder mitnimmt. Es liegt in Deiner Stimme.

Mit einem einzigen Wort kannst Du die Stimmung kippen lassen. Vom fröhlichen Geplänkel in die Situation, in der mein Denken aussetzt und eben kein Kopfkino mehr herrscht, sondern nur noch Spüren, Fühlen. Empfindungen, Emotionen. Das ist der Punkt, an dem ich mich selbst verliere.
Vieles von dem, was Du sagst, würde von meinem Kopf ganz gelassen als das übliche Klischeegewäsch abgetan werden. Würde ich es lesen, käme vielleicht eine kleine Aufgeregtheit bei mir auf, aber beim zweiten Mal wäre der Effekt schon abgenutzt.

Wenn wir telefonieren, sieht das schon wieder ganz anders aus. Denn in dem Moment, wenn sich Deine Stimme ändert, nur ganz unmerklich ändert, entgleitet mir der Halt und ich lasse los, ob ich es nun will oder nicht. In solchen Augenblicken kann ich nicht mehr anders als mich Dir hinzugeben. Ein, zwei Bemerkungen schaffe ich vielleicht noch, die locker klingen. Ein letzter Widerstand, mehr gegen mich als gegen Dich gerichtet. Und dann…

Dann verstumme ich. Du musst nachfragen, nachhaken, bevor ich eine Antwort gebe; unwillig, hilflos, stockend. Du hakst gerne nach. Weil Du genau weißt, wie es mir jetzt geht. Dass es mich noch fahriger macht, dass mein wirrer Kopf gänzlich überfordert ist. Dass ich in diesem Moment nicht mehr denke, sondern nur noch bin.

Keine Schattenkämpfe mehr. Kein Buchstabenschach. Kein Kopf.

Du siehst mich vor Deinem inneren Auge, wie unruhig ich bin. Du spürst, wie sehr meine Unterlippe leiden muss, da ich vor lauter Unruhe auf ihr herum kaue. Das macht Dich an. Und ich weiß, dass es Dich anmacht. In diesen Momenten fühle ich mich benutzt, da Du keinen Hehl daraus machst, dass Du diese Reaktionen von mir genießt. Ebenso wenig hältst Du damit hinterm Berg, dass Du mich genau kennst und weißt, was mich anmacht. Du sagst es mir auf den Kopf zu, und dann forderst Du eine Bestätigung von mir.

„Ist das so?“

Ich schweige, weil ich mich schäme, es zuzugeben. Diese Scham macht etwas mit mir, ich merke, dass mein Mund noch trockener wird, und ich weiß, wohin die Feuchtigkeit abwandert. Du weißt es auch. Und Du lässt mir mein Schweigen nicht durchgehen.

„Ich fragte, ob das so ist.“

Nicht hart, nicht wütend, drohend. Noch nicht einmal ungeduldig. Eher… zuversichtlich, weil Du weißt, dass ich ja doch noch antworten werde.

Und irgendwann folgt meine Antwort. Ein undeutliches „Ja…“ verlässt meine Lippen. Verzagt, unwillig. Du hast einmal gesagt, dass niemand sonst in der Lage sei, eine so klare, einfache Silbe bis zur Unkenntlichkeit undeutlich auszusprechen. Und dann hast Du gelacht. Heiter, gelassen.

„Sprich klar und deutlich, bitte.“

Dieses „Bitte“ ist keine Bitte in dem Sinne. Es ist Deine Dir angeborene Höflichkeit, aber Du bittest durchaus nicht. Es ist eine Anweisung, und mir ist dies genauso bewusst wie Dir, dass Du mich damit noch weiter treibst.
„Ja“, stoße ich widerwillig heraus. Widerwillig, aber deutlich. Du lässt mich dennoch nicht vom Haken.

„Ich will, dass Du es sagst. Ja, was?“

Natürlich könnte ich mich immer noch wehren, und einen Moment lang bin ich versucht, es zu tun. „Ja, das ist so“ wäre keine ausreichende Antwort. Keine Verfehlung, nur ein… kleiner Widerstand. Es würde Dich eher amüsieren als ärgern, und Du würdest eh nicht nachgeben, also gebe ich gleich nach.

„Ja, es macht mich an.“ In dem Moment überläuft mich ein Schauer. Stoßweise verlässt mein Atem meinen Mund, zittrig hole ich wieder Luft, doch nicht genug, ich muss noch einmal Luft holen. Ich spüre Dein Lächeln durchs Telefon, weil Du genau das wolltest. Du wolltest mich zu diesem Geständnis bringen, weil Du weißt, dass dies meine Mauern bröckeln lässt. Und Du wirst mir weiter zusetzen, bis kein Stein mehr auf dem anderen steht. Bis jeder Gedanke in mir zerfließt und in mein Höschen tropft.

Wenn wir miteinander reden, kannst Du mich dahin bringen. Wenn wir schreiben, nicht wirklich. Denn, wenn ich lesen und schreiben muss, bleibt mein Kopf beteiligt. Dann kann niemand sämtliche Barrieren niederreißen.

Dann ist es eben doch nur Kopf-Kino. Und je klischeehafter der Film, desto schneller verschwinde ich aus dem Kino, zurück in meinen Kopf und verlange mein Geld zurück.

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