Abschluss

Die Dunkelheit zieht sich nur widerwillig zurück und überlässt der kahlen, überforderten Lampe im Untergeschoss gerade genügend Raum, dass man Schemen erkennen kann. Margaux ist nicht zum ersten Mal hier, aber es würde hoffentlich nie wieder notwendig sein, dieses düstere Gebäude aufzusuchen. Fest umklammert sie ihre Tasche und sieht sich in dem Treppenhaus um. Der Aufzug scheint mal wieder defekt zu sein. Also würde sie die Treppe nehmen müssen. Der saure Geruch von Kohl lässt sie flach durch den Mund atmen, dennoch wächst eine leichte Übelkeit in ihr heran. Direkt vor der Aufzugtür hat jemand eine Kerze abgestellt; daneben steht eine Vase mit Blumen. Billige Rosen aus dem Supermarkt, aber immerhin.

Hier also ist er gestorben, denkt sie und zieht die Lederjacke enger um sich. Er soll sich in den Aufzugschacht geworfen haben.

„Wollte nicht mehr leben. Die Geister machten ihm zu schaffen“, hatte der Nachbar genuschelt, als die Kommissare ihn befragten. Auf die Frage, welche Geister das denn gewesen sein sollten, gab er keine Antwort. Lieber hätte er ihnen wohl die Tür vor der Nase zugeworfen, aber das ging nicht. Sie hatten ihm ihre Polizeimarken gezeigt, und er hatte sie nach einer ausgiebigen Prüfung anerkennend zurückgereicht. „Auf jeden Fall lief er jede Nacht auf den Flur und stöhnte. Rüttelte an der Fahrstuhltür.“ Der Mann machte eine entsprechende Bewegung am Kopf. „Als wäre er irre.“ Dann zuckte er mit den Schultern, lachte dreckig. „Vermutlich wars nur ein übler Trip.“

Mehr hatten sie nicht herausfinden können. Die anderen Nachbarn hatten es vorgezogen, nichts gehört und nichts gesehen zu haben.

Unwillig macht sich Margaux daran, die Treppe hinaufzusteigen. Sie will nicht hier sein. Weiter oben, im ersten Stockwerk, streitet sich ein Pärchen. Es geht um seinen Alkoholkonsum und um ihr Fremdgehen. Sie will das nicht hören, aber die zwei sind so laut, dass jeder im engeren Umfeld genau erfährt, wie oft sie ihn betrügt und dass er deswegen trinkt. Man hört das energische Klopfen an der Wand. Vermutlich ein Nachbar, der nun brüllt, dass er seine Ruhe haben will. „Fick dich!“ Die Antwort stammt von der Frau, und ihr Mann brüllt: „Soll er dich doch ficken, du lässt doch eh jeden drüber!“ Geschirr zerschellt.

Sie will das wirklich nicht hören.

Im ersten Stockwerk sitzt ein Kind auf der Treppe. Es spielt ein Wurfspiel mit Kieselsteinen. Um diese Zeit gehört es eher ins Bett, denkt Margaux und nickt der Kleinen knapp zu. Sie hat noch zwei weitere Stockwerke vor sich.

Müllbeutel stapeln sich im Flur des zweiten Stockwerks. Einer ist aufgerissen und ein übler Geruch steigt von ihm aus. Maden kriechen aus dem Loch, Fliegen surren umher. Ihre Geräusche geben der ganzen Szene einen surrealen Touch, scheinen sie doch das Gebrüll des Paars zu übertönen. Aber nur solange man in der Nähe der Mülltüten ist. Danach setzt sich der Lärm wieder durch.

Margaux lässt den Gestank hinter sich und drückt im Vorbeigehen vorsichtshalber auf den Lichtschalter. Nicht, dass sie hier nachher im Dunkeln steht. Ihr graut vor der Dunkelheit. Endlich erreicht sie den dritten Stock und drückt auf die Klingel neben der Wohnungstür. Sie hört lautes Fluchen, dann rumpelt es. Scheinbar sieht es in der Wohnung nicht besser aus als auf dem Flur.
Nun mach schon auf, denkt sie sich und tritt von einem Bein auf das andere.

Der Lärm in der Wohnung im ersten Stock hat aufgehört, der Streit ist beendet. Nun folgt ein lautes, fast animalisches Stöhnen. Versöhnungssex. Auch das will Margaux nicht hören. Ihr letzter Sex liegt schon so lange zurück, dass die Geräusche für ein feuchtes Höschen sorgen. Energisch drückt sie noch einmal auf die Klingel. Die Tür wird aufgerissen.
Der Mann vor ihr scheint aus einem Lehrbuch für Klischees zu stammen. Unrasiert, fahle Haut und tiefe Ringe unter den Augen. Aus dem Mundwinkel hängt eine Zigarette. Das Unterhemd aus Feinripp ist unförmig und fleckig. Margaux wischt die Frage, wann es das letzte Mal eine Waschmaschine von innen gesehen hat, hastig fort und weigert sich ebenfalls, die graue Sporthose genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Was!“ Sein Ton ist unwirsch, schon fast unverschämt. Er bellt seine Frage eher wie einen Befehl. Sympathischer macht ihn das nicht gerade. Sie stellt sich ihm vor, teilt ihm ihr Anliegen mit. Wortlos lässt er sie in der Tür stehen, geht in eines der Zimmer. Eine Katze läuft über den Flur und faucht sie an. Margaux erwägt zurück zu fauchen, lässt es dann aber. Der Kerl sieht nicht so aus, als würde er Spaß verstehen, und sie braucht den Schlüssel zur Wohnung.

Schließlich kehrt er zurück und drückt ihn ihr in die Hand. „Den kannst du unten in den Briefkasten werfen, wenn du fertig bist. Die Miete ist bis übermorgen bezahlt, danach schmeiß ich alles raus.“

„So lange brauche ich nicht“, antwortet sie und dreht sich grußlos um. Noch zwei weitere Stockwerke, dann wird sie da sein. Da, wo sie eigentlich nie mehr hatte sein wollen.

Es hilft nichts.

Der Schlüssel knirscht, als sie ihn im Schloss umdreht. Kurz sammelt sie sich, bevor sie die Tür öffnet. Der Gestank einer Wohnung, die unvermittelt verlassen und seit Wochen nicht mehr betreten wurde, brüllt ihr entgegen. Rasch macht sie Licht und reißt die Fenster auf.

Beißende Kälte strömt herein, aber auch klare, frische Luft. Margaux bleibt am Fenster stehen und holt tief Luft. Dann wagt sie es, den Blick durch das kleine Zimmer schweifen zu lassen. Wie lang war sie hier nicht mehr gewesen? Bestimmt zwei Jahre schon. Sie hatte sich versteckt, vor ihm. War einfach abgehauen und hatte alles hinter sich gelassen, nur damit er ihre Pläne nicht durchkreuzen konnte. Damit er sie nicht finden konnte.

Die Polizei hatte sie gefunden. Nachdem er „unter fragwürdigen Umständen“ ums Leben gekommen war. Natürlich hatten sie sie befragt. Grund genug hätte sie dazu gehabt, ihm bei seinem letzten Gang zu helfen. Aber Gründe reichen nicht immer aus, und sie ist kein Mensch, der anderen ein Leid zufügen kann.
Ja. Froh ist sie durchaus, dass der Dreckskerl endlich tot ist. Dass er ihr nichts mehr antun kann. Aber das konnte er auch schon nicht mehr, nachdem sie abgehauen war. Nun aber ist die Zeit der Angst vorbei, endlich vorbei.

Und doch… während sie durch die Wohnung läuft, packt sie das Grauen wieder im Nacken. Nichts hat sich hier verändert in den zwei Jahren. Es sieht heruntergekommen aus. Aber die Tapeten sind immer noch die gleichen, und auch kennt sie noch jedes Möbelstück. Selbst ihre Bilder hängen noch an den Wänden im Flur. Er hat nicht eines abgenommen.

Vorsichtig öffnet sie die Schränke. Ihre Kleider hängen dort noch, ihre Hosen, ihre Blusen. In der Kommode sind feinsäuberlich ihre Dessous aufgestapelt, gleich neben den Feinstrumpfhosen. Im Bad stehen noch ihre Schminkutensilien, im kleinen Hygieneschrank findet sie ihre Tampons. Fassungslos schüttelt Margaux den Kopf. Es ist, als wäre sie nie weg gewesen.

Sie muss sich zusammenreißen. Sie holt ein Fußtreppchen aus der Abstellkammer (dort stehen Flaschen ihres Lieblingsweines. Mehr, als sie zurückgelassen hat, das weiß sie genau) und stellt ihn vor den Kleiderschrank. Ganz oben auf dem Schrank ist der Koffer. Und unter dem Koffer findet sie das, weswegen sie hier ist.

Ihre Geburtsurkunde. Ihr Pass. Die Kreditkarten, die Zugangsdaten für ihre Konten. Alle wichtigen Verträge und Dokumente. Sie hatte das alles versteckt, nachdem er anfing sie zu bedrohen. Sorgfältig packt sie die Papiere in ihre Handtasche. Schließlich setzt sie sich auf das Bett und denkt nach. Nein, sie will sich nicht erinnern. Sie überlegt lediglich, was sie sonst noch mitnehmen möchte. Die Kleider waren teuer, sie sind noch gut erhalten. Ebenso die Dessous, der Schmuck. Will sie die Bilder, die im Flur hängen?

Lange sitzt sie dort und wägt ab. So lange, bis sie die Kälte in der Wohnung nicht mehr aushält.

Sie gibt sich einen Ruck und steht auf.

Nein. Sie will nichts von all dem, was sie vor zwei Jahren zurückgelassen hat. Das alles hat sie nicht vermisst, und sie würde mit diesen Dingen die Erinnerungen mitnehmen. Und die will sie ganz bestimmt nicht.

Gewissenhaft schließt sie das Fenster, löscht das Licht. Gerne würde sie all den Schnaps aus den Flaschen in der Küche in der Wohnung verteilen und ein Streichholz fallen lassen. Nur: Das würde nichts bringen, außer dass das Kind da auf der Treppe seine Wohnung verliert.

Lautlos schließt sie die Tür und macht sich daran, die Treppe wieder herabzusteigen. Im ersten Stock ist Ruhe eingekehrt. Selbst der Versöhnungssex dauert bei dem Pärchen nicht lange. Das Kind ist fort, vermutlich gehört es zu ihnen.

Margaux schaut den Schlüssel noch einmal an, bevor sie ihn in den Briefkasten wirft. Ein letzter Blick wandert zu der Kerze, zu den Blumen.

Dann nickt sie und verlässt das Haus.

Endlich frei.

Danke an Birgit für die Inspiration durch das Foto!

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